Russischer Honigtopf: Wie Kreml-Fans über eine Firma mit Russland-Verbindungen Geld machen

Russischer Honigtopf: Wie Kreml-Fans über eine Firma mit Russland-Verbindungen Geld machen

Quelle: CORRECTIV.Faktencheck!


Hintergrund

Russischer Honigtopf: Wie Kreml-Fans über eine Firma mit Russland-Verbindungen Geld machen

Unter Desinformation und pro-russische Propaganda mischt sich in einigen Telegram-Kanälen auch Werbung für zweifelhafte Gesundheitsprodukte. Kanalbetreiber verdienen am Verkauf mit – und auf der anderen Seite profitiert ein deutsches Unternehmen mit Verbindungen nach Russland.

von Max Bernhard

Russischer Honigtopf: Wie Kreml-Fans über eine Firma mit Russland-Verbindungen Geld machen

Telegram ist ein Knotenpunkt für pro-russische Desinformation und Verschwörungsmythen – einige Kanäle und Gruppen profitieren ausgerechnet mit Werbung für eine Firma, die Verbindungen nach Russland hat (Quelle: Stanislav Kogiku / picturedesk.com / Picture Alliance)

„Ich bin mit Heilnatura eine Partnerschaft eingegangen, damit ich meine Arbeit unabhängig machen und den Kanal hoffentlich am Leben erhalten kann.“ Unabhängigkeit – damit erklärt der Betreiber des Telegram-Kanals „Fearless John“ seinen rund 66.000 Leserinnen und Lesern, wieso er jetzt Werbung für ein Produkt aus fermentierten Sojabohnen macht. Eigentlich findet man bei „John“ sonst pro-russische Narrative und Hetze gegen die Ukraine in englischer Sprache.

Hinter seinem Partner Heilnatura verbirgt sich eine Firma aus Franken: Synapsy Mobile Networks GmbH. Sie verkauft verschiedene Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetika – unter anderem aus Russland importierte Bienenprodukte. Die Auswahl der Kanäle und Akteurinnen und Akteure, die Werbung für diese Produkte machen, lässt aufhorchen: Darunter sind neben „John“ viele weitere russlandfreundliche Kanäle wie der von Querdenker Bodo Schiffmann, „Russländer & Friends“ oder Alina Lipp. Sogar breit angelegte und mittlerweile sanktionierte Desinformations-Netzwerke teilen die Werbung.

Hinter den Anzeigen steckt ein simples Geschäftsmodell: Sie enthalten Links mit einem Code. Kauft jemand darüber etwas, verdienen die Werbepartner von Synapsy über eine Provision mit – über dieses sogenannte Affiliate Marketing, das von zahlreichen Firmen betrieben wird, haben wir bereits hier berichtet. Menschen wie „John“ ermöglicht dieses Geschäftsmodell Geld zu verdienen, während sie über ihre Kanäle Desinformation und Propaganda verbreiten. Und auf der anderen Seite steigt dadurch der Umsatz von Heilnatura.

Firma hinter Heilnatura weist Verantwortung von sich

Ob und wie viel diese Telegram-Kanäle dabei mitverdienen, ist nicht öffentlich und lässt sich deshalb nicht abschließend nachvollziehen. Angefragt von CORRECTIV.Faktencheck geht Heilnatura beziehungsweise Synapsy nicht auf einzelne Kanalbetreiber ein, dementiert die Zusammenarbeit mit den genannten aber auch nicht.

Synapsy distanziert sich jedoch vehement vom Umfeld ihrer Werbung. Die Firma teilt mit, sie sei „unpolitisch“. Dass jene, die für sie werben, auch Propaganda verbreiten, sei nicht bekannt. Das Unternehmen will in keinem Fall mit pro-russischer Propaganda in Verbindung gebracht werden – und gibt an, die Zusammenarbeit mit zwei von CORRECTIV.Faktencheck in der Anfrage erwähnten Kanäle danach beendet zu haben.

Synapsy schreibt aber auch: Die Firma habe mehrere Hundert Partner und könne nicht alle Vertriebskanäle überwachen. Verbindliche Werbe-Richtlinien für die Partner habe es bisher nicht gegeben, nach der Anfrage würden solche aber eingeführt.

Auch wenn Synapsy wohl nicht mit Absicht durch sein Affiliate-Programm Kreml-Propaganda unterstützt hat, erscheint dies bisherige mangelnde Sorgfalt zumindest fahrlässig – zumal die Firma auch eine direkte Verbindung zu einer russischen Firma hat: Tentorium.

„Ich liebe Russland“-Mineralwasser und Cremes mit Bienengift

Tentorium ist ein russisches Unternehmen, das hauptsächlich Bienenprodukte und Kosmetika, aber auch Mineralwasser verkauft. Synapsy betreibt den Onlineshop tentorium.tv und ist laut eigenen Angaben „exklusiver“ Vertriebspartner in Europa.

Doch diese Exklusivitäts-Abmachung habe Tentorium nicht allzu ernst genommen, schreibt Synapsy an CORRECTIV.Faktencheck. Auch andere Firmen hätten Tentorium-Produkte in Deutschland im Sortiment. Synapsy schreibt auch: Es habe eine „enge Zusammenarbeit“ mit Tentorium gegeben, die aber „aus offensichtlichen Gründen“ nicht mehr möglich sei.

Was diese Gründe sind, ist unklar, die Kooperation dauerte auch nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 an – laut Synapsy endete sie 2023. Tenetorium.tv ist Stand 26. April 2024 weiterhin online und bietet Tentorium-Produkte an. Synapsy schreibt, die Seite solle in den kommenden Wochen abgeschaltet und ersetzt werden.

Der Gründer von Tentorium (ТЕНТОРИУМ) brüstet sich auf der russischen Webseite des Unternehmens damit, nicht eine, sondern gleich zwei Auszeichnungen von Wladimir Putin erhalten zu haben. Dort zeigt Tentorium auch auf einer Karte große Teile der Ukraine als russisches Gebiet.

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Eine Karte auf der Webseite von Tentorium zeigt große Teile der Ukraine als russisches Gebiet (Quelle: tentorium.ru; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Auch wirtschaftlich hat Tentorium Verbindungen zur russischen Regierung – laut Vertragsdaten verpachtet oder vermietet das Unternehmen für mehrere hunderttausend Euro Land an eine Regierungsanstalt und lieferte zigtausende Flaschen Mineralwasser seiner Marke „Ich liebe Russland“ an Regierungseinrichtungen in Perm, wo Tentorium angesiedelt ist.

Die Synapsy Mobile Networks GmbH importierte laut Handelsdaten von Sayari, einem Anbieter von Informationen über Geschäftspartner- und Lieferkettenrisiken, im Juli und August 2023 fast eine Tonne Waren von Tentorium nach Deutschland. Deklariert wurden diese demnach als Zuckerwaren, die nicht von Sanktionen betroffen sind – ganz im Gegensatz zu Kosmetika.

Aktuell bietet Synapsy auf der deutschen Webseite für Tentorium allerdings nur zwei Produkte an: Propolis-Tropfen und eine Creme mit Bienengift – also ein Kosmetikum. Ob Synapsy die Cremes nach dem Beginn des Krieges importiert hat, lässt sich nicht nachvollziehen. Synapsy antwortete auf Nachfrage lediglich, dass man „schon lange“ keine Produkte mehr importiere und auch stets nur solche, die korrekt beim Zoll angemeldet werden könnten.

Synapsys Verbindung nach Russland reicht viele Jahre zurück: Die Firma betreibt nach eigenen Angaben Europas größten russischsprachigen Shopping-Kanal BestMarket TV und war schon 2008 Zahlungsabwickler für das russische Facebook-Äquivalent Odnoklassniki.

Propaganda-Webseiten aus dem „Pravda“-Netzwerk machen ebenfalls Werbung

Die Häufung der Russland-Verbindungen macht stutzig. Werbung für Heilnatura und Tentorium wurde auch von Webseiten und Telegram-Kanälen verbreitet, die laut französischen Behörden Teil eines russischen Propaganda-Netzwerkes namens „Pravda“ sind. Im Februar 2024 deckten sie die russische Einfluss-Kampagne auf. „Pravda“ heißt auf Russisch „Wahrheit“ – doch genau damit haben die Webseiten nichts zu tun. Das Pravda-Netzwerk hat enge Verbindungen mit einer Desinformationskampagne mit dem Spitznamen „Doppelgänger“, über die wir bereits zuvor berichteten. Inzwischen sind Personen und Firmen dahinter von der EU und den USA sanktioniert worden.

Auch die Produkte anderer Firmen, über die CORRECTIV.Faktencheck hier berichtete, wurden von diesen Webseiten beworben. Die Seiten pravda-de.com und pravda-en.com, die als Nachrichtenportale ausgegeben werden, werben für Nahrungsergänzung von Heilnatura und Tentorium-Produkte, teils mit Links zum deutschen Onlineshop von Synapsy. Als Quelle wurden dabei die Telegram-Kanäle „Node of Time DE“, „DeFreundschaftRu“ und der englischsprachige Kanal „Lord of War“ angegeben, die diese Anzeigen verbreiten und davon abgesehen mit pro-russischen Inhalten auffallen.

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Auch auf den Webseiten einer russischen Propaganda-Kampagne finden sich Anzeigen zu Tentorium und Heilnatura-Produkten. (Quelle: pravda-de.com; Screenshots und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Laut einem Bericht von Viginum, einer französischen staatlichen Agentur, die Desinformationskampagnen im Netz aufdecken soll, verbreiten Pravda-Seiten und -Kanäle automatisch Beiträge von ausgewählten Telegram-Kanälen. Es könnte sich also auch um eine zufällige Verbindung handeln, ein Beleg für eine Geschäftsbeziehung zu Synapsy ist das nicht. Synapsy sagt, die Pravda-Seiten seien der Firma nicht bekannt.

So oder so macht hier eine bekannte russische Einflusskampagne Werbung für die Produkte deutscher Firmen. Und über deren Affiliate-Programme verdienen Verbreiter von Kreml-freundlicher Propaganda Geld.

Das ist ein Muster, das sich durchzieht.

Putin-Propagandisten bewerben Nahrungsergänzungsmittel mit falschen Heilsversprechen

Alina Lipp verbreitet auf ihrem Telegram-Kanal „Neues aus Russland“ seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs Falschinformationen und spielt eine zentrale Rolle bei der Verbreitung von Propaganda. Sie wurde deshalb „Putins Sprachrohr“ oder „Princess of Disinformation“ genannt. Lipp leugnete beispielsweise das russische Massaker in Butscha und teilt immer wieder Falschbehauptungen, die Stimmung gegen die Ukraine machen.

Und nebenbei macht sie Werbung für Heilnatura-Produkte wie Nattokinase – ein Produkt aus fermentierten Sojabohnen – oder Heidelbeerextrakt. Lipp teilte 2023 und 2024 laut Daten des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas) mehrfach solche Anzeigen mit ihren rund 186.000 Abonnentinnen und Abonnenten. Sie erreichte damit Zehntausende und war damit mutmaßlich eine wichtige Werbepartnerin für die Firma Synapsy. Auf unsere Anfrage zu der Kooperation antwortete Lipp nicht. Inzwischen wurden alle Anzeigen in ihrem Telegram-Kanal gelöscht.

Nattokinase und Heidelbeerextrakt selbst sind keine problematischen Produkte. Problematisch sind jedoch die Aussagen, mit denen sie auf Telegram beworben werden: Falsche Heilsversprechen sind bei Nahrungsergänzungsmitteln verboten. Und doch wird dem Pulver aus fermentierten Sojabohnen, in Japan als Natto bekannt und traditionell zum Frühstück gegessen werden, eine herausragende Wirkung zugeschrieben: Ein Enzym darin, Nattokinase, soll angeblich die „gefährlichen“ Spike-Proteine nach einer Corona-Impfung neutralisieren – so heißt es in einer Werbeanzeige, die Alina Lipp geteilt hat.

Nur: Dass Spike-Proteine überhaupt einen solchen Schaden anrichten, ist nicht belegt, Fachleute sprechen in dem Zusammenhang sogar von Unsinn. Auch die Verbraucherzentrale warnt. Zum Verständnis: Spike-Proteine sind Bestandteile von Coronaviren. Die Behauptung, die nachgebildeten Spike-Proteine, die vom Körper nach einer Corona-Impfung produziert werden, seien „toxisch“, war eine weit verbreitete Desinformation während der Pandemie.

Bei näherer Betrachtung sind die vielversprechenden Behauptungen zu Natto beziehungsweise Nattokinase also nicht haltbar, auch wenn Natto zweifelsfrei gesund ist und zum Beispiel viel Eisen und Vitamin K enthält.

Was bleibt, ist ein überteuertes Produkt. Für eine 300-Gramm-Packung müssen Kunden knapp 40 Euro berappen – teils sogar rund 70 Euro für 60 Kapseln mit jeweils 100 Milligramm Nattokinase und anderen Inhaltsstoffen. Im Asia-Markt in Deutschland oder in Online-Shops kosten 150 Gramm aus Japan importiertes Natto zwischen drei und fünf Euro.

Die falschen Aussagen werden nicht nur auf Telegram aufgestellt: Auch wenn Synapsy gegenüber CORRECTIV.Faktencheck angibt, man verweise bei medizinischen Fragen „zumeist auf den Hausarzt des Vertrauens“, liest sich das im Onlineshop anders. Dort ist von einer möglichen blutdrucksenkenden Wirkung von Nattokinase die Rede – aber auch von Spike-Proteinen. Als Quelle beruft man sich auf einen Bericht des österreichischen Desinformations-Mediums Report24. Was die Firma ihren Kunden nicht dazu sagt: Auch Report 24 wirbt auf Telegram mit Affiliate-Links für Heilnatura-Produkte.

Zusammenarbeit mit dem Verschwörungsideologen Bodo Schiffmann

Synapsy verkauft Nattokinase zudem – mit einigen Zusatzstoffen und dafür deutlich teurer – unter dem Namen „Dr. Schiffmann’s Spikeprotect“ in Zusammenarbeit mit dem prominenten Querdenker Bodo Schiffmann. Die Firma verkauft auch noch weitere Produkte mit diesem Branding. CORRECTIV.Faktencheck hat in der Vergangenheit zu mehreren seiner Äußerungen recherchiert und festgestellt, dass sie so nicht korrekt sind. Zu Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zeigte Schiffmann laut einem Bericht der ARD auf seinem Telegram-Kanal einen Live-Stream des russischen Staatssenders RT, mittlerweile teilt er massenhaft Anzeigen für Heilnatura, an denen er dank Affilliate-Links mitverdient.

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Mit Headset auf dem Kopf versucht Schiffmann Sojabohnen-Pulver zu verkaufen und macht dafür unbelegte Gesundheitsversprechen. (Quelle: Telegram; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Schiffmann antwortete nicht direkt auf eine Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck. Stattdessen veranstaltete er einen fast eineinhalb Stunden langen Livestream, indem er seine Zuschauer dazu aufrief, die Namen von CORRECTIV-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern herauszusuchen und drohte: „Im Gegensatz zu einem Olaf Scholz brauchen Sie nicht zu glauben, dass die Regierung Sie schützt.“

Schiffmann, der sich selbst als einer „der Top Ten Mediziner“ bezeichnet, sagt, er verbreite keine Desinformation oder Propaganda. In seiner Werbung für Nahrungsergänzungsmittel informiere er über die Wirkstoffe und zeige Studien „aus PubMed und ähnlichem”.

Im Video erklärt er auch, wie leicht der Weg zum Werbepartner war: Er habe Betreiber anderer Telegram-Kanäle gefragt, wie sie sich finanzieren. Und dann Heilnatura angesprochen, ob er auch „darf“. Auch im Livestream bewirbt Schiffmann selbstverständlich seine Heilnatura-Produkte.

Synapsy antwortete nicht auf eine Frage nach der Zusammenarbeit mit Schiffmann. Auf Nachfrage schrieb die Firma, man beziehe sich bei der Wirkung von Nattokinase auf zwei Studien. Ob man das dürfe, lasse man gerade rechtlich abklären.

Bis dahin verlässt man sich bei Synapsy auf das positive Gefühl der Kundschaft: „Das Kundenfeedback ist für uns die Bestätigung der Studien“, schreibt das Unternehmen, und: „Wir haben bis dato noch keine einzige Rückmeldung eines Kunden bekommen, der sich von einem Heilversprechen getäuscht fühlte.“

Heilnatura vermarktet nicht nur zweifelhafte Nahrungsergänzungsmittel mit teils falschen Gesundheitsversprechen. Es nimmt vor allem in Kauf, dass seine Produkte mit unhaltbaren Behauptungen auf Telegram angepriesen werden.

Und ob wissentlich oder nicht: Die Firma ermöglicht es dadurch auch Verbreiterinnen und Verbreitern von pro-russischer Desinformation, ihre Aktivitäten auf Telegram zu finanzieren – und verdient daran mit. Heilnatura und seine Werbepartner eint neben der geschäftlichen Zusammenarbeit wohl auch die Einstellung, dass gefühlte Wahrheiten mehr gelten als Fakten.

Diese Recherche entstand mit Unterstützung von CeMAS (Center für Monitoring, Analyse und Strategie).

Redigatur: Alice Echtermann, Gabriele Scherndl

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