Kein „Pallywood“ aus Gaza: Video zeigt Dreharbeiten zu einem Film in 2022

Kein „Pallywood“ aus Gaza: Video zeigt Dreharbeiten zu einem Film in 2022

Quelle: CORRECTIV.Faktencheck!

Faktencheck

Kein „Pallywood“ aus Gaza: Video zeigt Dreharbeiten zu einem Film in 2022

Mit dem Begriff „Pallywood“ oder „Gazawood“ soll mit Verweis auf bestimmte Aufnahmen immer wieder eine Inszenierung von Verletzungen, Gewalt und Zerstörung im Gazastreifen suggeriert werden – so auch bei einem aktuellen Video, das international kursiert. Doch die Aufnahme stammt aus 2022 aus und hat einen anderen Hintergrund.

von Sophie Timmermann

Kein „Pallywood“ aus Gaza: Video zeigt Dreharbeiten zu einem Film in 2022

Online wird mit Verweis auf ein Video behauptet, es zeige, wie Verletzungen im Gazastreifen inszeniert würden. Das stimmt nicht. Das Video zeigt Dreharbeiten zu einem Kurzfilm (Ausschnitt oben), der im Frühjahr 2022 veröffentlicht wurde (Quelle: Facebook; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Behauptung

Ein Video belege eine aktuelle Inszenierung von Verletzungen oder Todesopfern in Gaza.

Aufgestellt von: Beiträgen in Sozialen Netzwerken
Datum:
15.05.2024

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Falscher Kontext
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Falscher Kontext. Das Video wurde schon im Februar 2022 auf Tiktok veröffentlicht. Laut dem Urheber handelt es sich um Ausschnitte zu Dreharbeiten eines Films, der am 1. März 2022 veröffentlicht wurde.

„Pallywood“ — dieser Begriff wird in Sozialen Netzwerken immer wieder genutzt, um den Menschen im Gazastreifen eine Inszenierung von Verletzungen im Zuge des Kriegs im Nahen Osten zu unterstellen und so reales Leid in Frage zu stellen. Der Begriff setzt sich aus „Palästina“ und „Hollywood“ zusammen. Zahlreiche dieser Behauptungen haben sich als falsch herausgestellt, wie wir berichteten.

Ein X-Account mit dem Namen „Gazawood – the Pallywood saga“ verbreitete am 15. Mai in einem viralen Beitrag ein weiteres Video, das eine solche Inszenierung belegen soll. Zu sehen ist ein Junge, der auf einem Tisch liegt; hinter ihm Zerstörung. Er liegt in Schutt, sein Gesicht ist verschmiert. Zwei Männer gehen auf ihn zu, sie sagen lachend auf Arabisch. „Steh auf“, „wie ist er auf den Tisch gekommen“, und helfen dem Jungen, der unversehrt aufsteht und grinst. Menschen im Hintergrund filmen das Ganze.  

Unter den mehr als 1.500 Accounts, die den X-Beitrag teilten, sind auch mehrere israelische Politiker – einige löschten ihre Beiträge inzwischen wieder. Auch deutsche X-Accounts verbreiteten das Video weiter, einer schreibt: „Wenn das Video echt ist, gibt es keine Worte mehr“. Die Aufnahme kursiert international mit der Behauptung, es handle sich um eine Propaganda- oder „Pallywood“-Produktion auf Telegram, Facebook, Tiktok, Threads und Instagram

Doch das Video belegt keine Inszenierung. 

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Anders als in vielen Beiträgen behauptet, zeigt dieses Video keine Inszenierung eines Verletzten in Gaza. Das Video entstand bei Dreharbeiten für einen Film 2022. (Quelle: X; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck).

Aufnahme von Dreharbeiten schon 2022 auf Tiktok geteilt 

Die arabische Faktencheck-Redaktion Misbar fand die gleiche Aufnahme, die aktuell verbreitet wird, schon in einem Tiktok-Beitrag vom 15. Februar 2022 — das Video hat also keinen aktuellen Bezug. Klar zu erkennen: Der Junge im roten Kapuzenpullover und die beiden Männer, die ihm aufhelfen. Im Titel heißt es: „Neuer Film“. Der Account gehört laut Beschreibung dem palästinensischen Fotografen Mahmoud Maher Zaqout. 

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Der Tiktok-Account von Zaqout veröffentlichte die Aufnahme schon im Februar 2022. (Quelle: Tiktok, Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck).

Auf einen Kommentar unter dem Tiktok-Video vom 15. Februar 2022, der nach dem Hintergrund der Aufnahme fragt, verweist Zaqout auf einen Beitrag auf seinem Instagram-Account vom 1. März 2022. Darin ist ein anderes Video zu finden: Zu sehen ist aber derselbe Junge im selben Gebäude wie im aktuell verbreiteten Video. Er trägt die gleichen Klamotten und wird in dem Clip von Feuerwehrmännern aus einem Gebäude gerettet. Im weiteren Verlauf des Videos sind Rettungsarbeiten, das Al-Shifa Krankenhaus in Gaza und medizinische Behandlungen zu sehen. 

Palästinensischer Zivilschutz veröffentlichte Kurzfilm anlässlich eines internationalen Jahrestags 2022

Es handelt sich laut Beschreibung um einen Ausschnitt aus einem Kurzfilm mit dem Namen „العهد“, auf Deutsch übersetzt etwa „das Bündnis“. Eine Bilder-Rückwärtssuche mit Standbildern aus dem Video und Details daraus wie der Aufschrift „civil defence“ führen uns zum Palästinensischen Zivilschutz – er ist für Rettungs- und Feuerwehrarbeiten verantwortlich. Auf dessen Facebook-Seite finden wir das knapp fünfminütige Video, auf das Fotograf Zaquot auf Tiktok verwies, in einem Beitrag ebenfalls vom 1. März 2022, veröffentlicht zum „Internationalen Tag des Zivilschutzes“. 

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In dem Facebook-Video, das der palästinensische Zivilschutz am 1. März 2022 veröffentlichte, ist derselbe Junge zu sehen. (Quelle: Instagram; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck).

In einem Facebook-Beitrag vom 16. Mai 2024 erklärte Zaqout, dass es sich bei dem online kursierenden Ausschnitt um „einen Blick hinter die Kulissen eines alten Films handelt, der im Jahr 2022 gedreht wurde“. 

Das Video ist also mehr als zwei Jahre alt und zeigt keine Inszenierung von aktuellen Verletzungen im Zuge des Krieges im Nahen Osten. 

Gesundheitsministerium in Gaza und israelischer Premierminister sprechen von mehr als 30.000 Toten in Gaza 

Die Anfangsszenen aus dem Kurzfilm, bei dem Häuser nach einem Angriff in Flammen aufgehen, stammen von einem  israelischen Luftangriff auf Gaza im Mai 2021, über den Medien und etwa das Internationale Komitee vom Roten Kreuz damals berichteten. Das Al-Shifa-Krankenhaus, das ebenfalls im Video zu sehen ist, wurde im Zuge von israelischen Angriffen mittlerweile zerstört, wie aus Bildern und Medienberichten hervorgeht. 

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Eine Anfangsszene aus dem Kurzfilm (oben) ist auch in Medienberichten und einem Video des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (unten) zu einem israelischen Luftangriff von Mai 2021 zu finden (Quelle: Facebook; Internationales Komitee vom Roten Kreuz; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Im Zuge der Terrorangriffe der Hamas am 7. Oktober 2023 und Israels massiven Gegenangriffen sind unzählige Zivilisten gestorben, darunter viele Kinder. Die Hamas tötete rund 1.200 Menschen in Israel und nahm über 200 Geiseln. Das von der Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium in Gaza sprach am 28. Mai 2024 auf seiner Facebook-Seite von mehr als 36.000 Toten, die durch Israels Angriffe getötet wurden. Die Zahlen des Gesundheitsministeriums hätten sich in der Vergangenheit im Allgemeinen als zutreffend erwiesen, erklärte ein Sprecher der UN in einer Pressekonferenz am 13. Mai 2024. Der israelische Premierminister Netanyahu sprach laut Medienberichten  am 12. Mai 2024 von rund 30.000 Toten in Gaza, darunter seien um die 16.000 Zivilisten. 

Unabhängig verifizieren lassen sich weder die Zahlen der Hamas, noch die der israelischen Regierung. Die Organisation Airwars, die Angriffen in Kriegen und Konflikten mit Hilfe öffentlich zugänglicher Informationen nachgeht, dokumentiert einzelne  Berichte zu  zivilen Opfern im Zuge des Krieges im Nahen Osten.     

Israel begann laut Medienberichten am 7. Mai seine Bodenoffensive in der Stadt Rafah. In diesem Kontext kursiert das aktuell verbreitete Video.

Alle Faktenchecks im Zuge des Krieges im Nahen Osten finden Sie hier. 

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Facebook-Beitrag vom palästinensischen Zivilschutz vom 1. März 2022: Link 
  • Tiktok-Beitrag von Mahmoud Maher Zaqout vom 15. Februar 2022: Link (archiviert) 

Redigatur: Max Bernhard, Uschi Jonas

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