Anetta Kahane: Die drei Rabbiner

Anetta Kahane: Die drei Rabbiner

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Ein Text von Anetta Kahane, den sie in Erinnerung an den 7. Oktober verfasst hat. Wir veröffentlichen ihn hier anlässlich des Gedenktags Jom Ha-Shoa, an dem in Israel der ermordeten Juden gedacht wird.

Von Anetta Kahane|

Anetta Kahane: Die drei Rabbiner


Anetta Kahane ist Senior Consultand und ehemalige Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung.

(Quelle: Ivo Mayr)

Als auch die letzten Juden das Ghetto in Vilna in Richtung Tod verlassen hatten, betrachteten drei Rabbiner die grausame Szenerie der Leere. Die folgenden Tage und Nächte verbrachten sie mit Trauer und Gebeten. Am dritten Tag jedoch begannen eine die Diskussion über die Auslegung der Schriften. Wie konnte G‘tt das geschehen lassen, war ihre Frage.

Eine solche Diskussion ist schwer für Juden, denn das Böse als eine Kategorie, die gänzlich und vollkommen unabhängig und außerhalb dessen existiert, was das Göttliche ausmacht, ist für sie nur schwer vorstellbar. Denn auch das Göttliche kann nicht nur gut sein und das Leben eines jeden Menschen erst recht nicht. Den Juden geht es darum, der bestmögliche Mensch zu sein mitsamt seiner Widersprüchlichkeit und Ambivalenz. Da ist kein „Böses“, das verführt, sondern die menschliche Verantwortung und Entscheidung im bestmöglichen Wissen und Gewissen. Eine solche Art zu leben und sich die Welt vorzustellen ist schwer, vielleicht sogar schwerer als die Idee eines teuflischen Verführers. Denn sie verlangt von jedem und jeder, eine enorme Verantwortung zu übernehmen. Dieses Prinzip ist vielleicht das Menschlichste, was das Judentum hervorgebracht hat. Es setzt auf die Hoffnung in sich selbst.  Sowohl bei G’tt wie bei den Menschen sind Widersprüche, Fehler und sogar Verbrechen kein Grund zu verzweifeln, sondern immer nur zu zweifeln. Und sich dadurch weiterzuentwickeln. Verzweifeln verharrt. Des Zweifels Schmerz jedoch öffnet Wege. So heißt es.

Die drei Rabbiner zeigten sich gegenseitig Zitate und Geschichten, die ihnen helfen sollten an diesem Gedanken festzuhalten. Doch wie soll das möglich sein an einem Ort, der so nach Tod riecht? Wie kann die Tatsache, dass G‘tt hier machtlos war, im Angesicht von etwas, das nur als das Böse beschrieben werden kann, nicht als Versagen gewertet werden? Wo war seine Allmacht? Wo war seine Absicht? Die drei Rabbiner weinten, und sie fühlten sich verloren wie noch nie zuvor. Ihr Streit wurde heftig, ihre Logik dabei aber immer präziser. Selbst ein widersprüchlicher G’tt kann solche Verbrechen gegen ihn und sein Volk nicht zulassen. Sie weinten und stritten die ganze Nacht. Die einzig mögliche Erklärung konnte nur sein, dass G’tt nicht existiert. Es gibt ihn einfach nicht. Die Dinge geschehen einfach und die Menschen tun, was Menschen eben tun.

Vollkommen erschöpft, mit getrockneten Tränen im Gesicht und grau in ihrem Inneren schwiegen die drei schließlich und warteten auf den Morgen.

Als der erste Sonnenstrahl über den Dächern von Vilna erschien, legte einer der Rabbiner seine Tefillin an und drehte sich mit einen Schwung in sein Tallit. Er begann das Morgengebet. Die anderen beobachteten das Geschehen. Sie hätten doch nun bewiesen, dass G’tt nicht existiert, sagten sie. Wieso dann ein Morgengebet, fragten sie missmutig. Die Dinge geschähen halt und die Menschen tun, was sie tun. Der betende Rabbiner hielt inne und fragte zurück, ob es das sei, was sie wollen – die Dinge geschehen lassen. Ohne Gewissen, ohne Verantwortung und ohne Widersprüche.

Die beiden Rabbiner sahen sich an; und so begannen sie, auch sich langsam die Tefillin anzulegen und den Tallit überzuwerfen. Für den Tag nach der Trauer.

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