Talk-Format der Kölnischen Rundschau: Traumhafte Momente bei den „Kölner Menschen 2024“

Talk-Format der Kölnischen Rundschau: Traumhafte Momente bei den „Kölner Menschen 2024“

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Talk-Format der Kölnischen RundschauTraumhafte Momente bei den „Kölner Menschen 2024“

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Vielleicht etwas altersmilde, aber auf keinen Fall angepasst zeigte sich Wolfgang Niedecken im Gespräch mit Lokalchef Jens Meifert.

Copyright: Thomas Banneyer

Zu Gast waren unter anderem BAP-Gründer Wolfgang Niedecken, Schriftstellerin Melanie Raabe oder Abraham Lehrer, der Vize-Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

„Für’ne Moment woor ich ahm dräume. Für’ne Moment woor ich wie hypnotisiert.“ Das BAP-Lied zur Einstimmung auf die Talk-Runde „Kölner Menschen 2024“ war weniger Hintergrundmusik als schon Ankündigung dessen, was die Besucher der Rundschau-Veranstaltungen in Kooperation mit der SK Stiftung Kultur erwarten durften: Momente, die träumen lassen, nachdenklich stimmen, nachhallen.

Unter anderem trug dazu BAP-Gründer Wolfgang Niedecken selbst bei. Des Weiteren konnten die Moderatoren, Jens Meifert, Leiter der Kölner Lokalredaktion der Rundschau, und Norbert Minwegen, Chef der SK Stiftung Kultur, den Synagogen-Vorstand, im Komed-Saal im Mediapark begrüßen: den stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, die Schriftstellerin Melanie Raabe, die Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße, Meral Sahin, den neuen Leiter des Kölnischen Stadtmuseums Matthias Hamann und die Musical-Darstellerin Vera Bolten. Sie alle berichteten von Träumen, die für sie Realität wurden – oder an der Realität zerbrachen.

Abraham Lehrer: Blumen vor der Synagoge

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Enttäuscht ist Abraham Lehrer von der aus seiner Sicht fehlenden Empathie.

Copyright: Thomas Banneyer

Der Traum davon, dass Juden nach dem Holocaust in Deutschland wieder eine unangefochten sichere Heimat haben, er ist gefährdet: Ja, die Mitglieder der Synagogengemeinde an der Roonstraße würden wieder verstärkt darüber nachdenken, das Land zu verlassen, sagt Abraham Lehrer. Das liege weniger am „explodierenden Antisemitismus“ als an der „fehlenden Empathie, Sympathie und Solidarität“, sagt der Synagogen-Vorstand. Als es 1991 in Hoyerswerda zu rassistischen Ausschreitungen kam, da hätten sich Menschenketten in der Republik gebildet. Und nach dem Überfall der Hamas auf Israel? „Jemand legt immer Blumen vor die Synagoge“, sagt Lehrer bewundernd und enttäuscht zugleich. Wo für ihn denn die Grenze zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik an der Politik Israels verlaufe, wollte Moderator Norbert Nimwegen wissen. Lehrer nennt das Beispiel der israelischen Teilnehmerin am Eurovision Song Contest. Mit der Forderung, sie aus dem Wettbewerb auszuschließen, sei   wegen ihrer Staatsangehörigkeit in „Sippenhaft“ genommen worden.

Melanie Raabe: Der Traum schlafloser Nächte

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Angekommen ist Bestseller-Autorin Melanie Raabe in ihrer Wahlheimat Köln.

Copyright: Thomas Banneyer

In der Zeit, in der die meisten Menschen träumen, hat Melanie Raabe an ihrem Traum gearbeitet. Ihre ersten Literaturversuche unternahm sie nachts, verriet sie Jens Meifert. Und schließlich schaffte sie ihren Durchbruch in einem Genre, an das sie im Traum nicht gedacht hatte: mit einem Thriller. Mit dem Bestseller „Die Falle“ erfüllte sie sich   schließlich einen Wunsch: „Ich will gelesen werden – das ist das Schönste.“ Ihre Prominenz bringt sie heute im NABU für den Mauersegler ein. Ein unsteter Vogel, permanent in der Luft. Trotz aller Sympathie für das Tier, Melanie Raabe ist gelandet, im Agnesviertel: „Alle positive Klischees   über diese Stadt stimmen. Ich liebe Köln. Hier habe ich die beste Zeit“, sagt die in Jena geborene Frau, die in Wiehl aufwuchs und in Bochum studierte. Ihr nächstes Buch kündigt sie im Komed-Saal für September an. Eine Geschichte über eine schlaflose Schlafforscherin.

Meral Sahin: Die Quengelige von der Keupstraße

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Engagiert präsentierte sich Meral Sahin (IG Keupstraße) im Gespräch mit Norbert Nimwegen von der SK Stiftung Kultur.

Copyright: Thomas Banneyer

Mit einer Explosion zerplatze der Traum, vieler Gastarbeiter und ihrer Kinder, in Deutschland eine zweite Heimat gefunden zu haben, in der man sich aufgenommen fühlen kann. Das Nagelbombenattentat auf der Keupstraße 2004 war auch ein Wendepunkt im Leben von Meral Sahin. Sie engagiert sich fortan, heute als Vorsitzende der IG Keupstraße. Bis heute ist das geplante Denkmal, nicht aufgestellt. „Ich finde das eigentlich nicht so schlimm“, gesteht Sahin Moderator Norbert Nimwegen. Denn das Denkmal entfalte auch so bereits Wirkung. „Alle die Entscheider bei der Stadt müssen sich immer wieder damit beschäftigen, es erarbeiten.“ „Erarbeiten“ – ein Schlüsselwort für Sahin. „Es gibt da 118 Geschäftsleute, vorwiegend Männer – und ich bin die Vorsitzende“, berichtet sie von der Arbeit in der IG.   „Ich bin da ein bisschen die Quengelige.“ Und das nicht alleine auf die Keupstraße bezogen, wenn es um Aktionen geht: „Die Kölner können Zeichen setzen, aber manchmal sind sie auch bequem“, sagt Sahin.

Matthias Hamann: Zwischen Größenwahn und Kleingeist

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Visionär geht Matthias Hamann seine neue Aufgabe als Leiter des Kölnischen Stadtmuseums im Interim im früheren Modehaus Sauer an.

Copyright: Thomas Banneyer

Ein Museum für Stadtgeschichte, das sollte in der Mitte der Stadt verankert sein. Soweit der Wunschtraum, der 2017 durch einen Wasserschaden im Zeughaus weggespült wurde. Seitdem war das Kölnische Stadtmuseum „heimatlos“ – bis dann im März das Interim im ehemaligen Modehaus Sauer mitten in der Stadt eröffnet wurde. Und die Ausstellung wurde bei allen Beschränkungen, die eine Geschäftsgebäude für ein Museum mit sich bringt, ein Erfolg. Über 15 000 Besucher konnte der neue Leiter, Matthias Hamann, bisher begrüßen. Der beugt sich im Komed-Saal den Kölner Realitäten, nachdem auch der Traum einer dauerhaften neuen Heimat in der „Historischen Mitte“ geplatzt ist, weil die Hohe Domkirche aus dem Bauprojekt ausgestiegen ist. Die Zukunft fürs Stadtmuseum sieht er nun trotz aller Widrigkeiten im Zeughaus. Bis dahin will er auf Wanderschaft gehen. Mit Sonderausstellungen über die Stadt verteilt, will er das enge Korsett des einstigen Modehauses sprengen. „Köln 1925 – zwischen Größenwahn und ganz klein“ könnte dabei ein Thema sein, verrät er. Die Parallelen zur Gegenwart sind gewollt.

Vera Bolten: Wenn die Kölner Spaß haben wollen

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Temperamentvoll: Musical-Darstellerin Vera Bolten auf der Bühne .

Copyright: Thomas Banneyer

Mit „Himmel und Kölle“ hatte die Domstadt ein neues Erfolgsmusical und mit dem Lied daraus „Dat ruckelt sich zurecht“ schuf Darstellerin Vera Bolten einen Gassenhauer. Wenn sie es nicht schon vorher gewusst hatte, dann erfuhr es die Korschenbroicherin spätestens auf der Bühne des Volkstheaters: „Die Kölner wollen ja Spaß haben – und dann gehen die auch richtig ab“, sieht sie den ihren Erfolg beim Publikum begründet. Doch im Gespräch mit Nimwegen wird klar, „Himmel und Kölle“ und Vera Bolten sind ein Traumteam aus kölscher Seele und unbändigem Temperament.

Wolfgang Niedecken: Unangepasste Altersmilde

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Wolfgang Niedecken spielte am Ende der Veranstaltung zwei Lieder auf seiner Gitarre.

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Mit dem eingespielten Lied „Für’ne Moment“ hatte er die zweite Hälfte des Talk-Abends indirekt eröffnet, als letzter Gast sorgte er für den Abschluss. Und für manch einen BAP-Fan wurde damit ein kleiner Traum wahr, denn wann kann man den Sänger und Liedermacher schon mal so „nah“ erleben. Der stieß kürzlich mit seinem Live-Mitschnitt aus den Sartory-Sälen Taylor Swift vom Platz 1 der deutschen Charts. Die Basis für den Erfolg: Die Lieder der ersten beiden 80er-BAP-Platten, die den Weg von der Südstadt-Kombo zur bundesweit gefeierten Band ebneten. „Ich bin froh, dass wir das gemacht haben“, sagt Niedecken zum Projekt „Zeitreise“. Eine Zeitreise mit vor allem einer Konstanten: Niedecken. Er sei nicht furchtbar anders geworden, wenn auch ein wenig altersmilde, gesteht er Jens Meifert. Die Nato sieht er mittlerweile als Friedensgarant. Niedecken auf Linie? Mitnichten: „Nach wie vor kämpfe ich dagegen an, mich anzupassen.“ Und so greift er zu Gitarre und Mundharmonika und spielt „Für’ne Moment“ so wie er es eigentlich immer haben wollte – pur, ohne Pop-Klimbim.

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