Palladium: Warum Kettcar heute plötzlich die Charts stürmen

Palladium: Warum Kettcar heute plötzlich die Charts stürmen

Rundschau |

PalladiumWarum Kettcar heute plötzlich die Charts stürmen

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Nachdenkliche Texte seit 2002: Kettcar mit Sänger Marcus Wiebusch

Copyright: Nabil Hanano

Ein Gesicht der Hamburger Schule sind Kettcar – nun gastierten sie im ausverkauften Palladium.

Wer in den 2000er Jahren zur Schule oder zur Uni ging und „Indie Rock“ hörte, dürfte bei dem Begriff „Kettcar“ heute eher an Erinnerungen an durchschwitzte Konzerte als an ein pedalgetriebenes Tretauto denken: Die Hamburger Band mit Wurzeln im Punkrock trat erstmals 2002 mit ihrem Debütalbum „Du und wieviel von deinen Freunden“ auf den Plan. Mit ihrem mit Pop-Elementen angereicherten Schrammel-Rock, der die nachdenklichen deutschsprachigen Texte von Sänger Marcus Wiebusch ins Zentrum rückte, avancierten sie zu Lieblingen sowohl der Kritik, als auch des Publikums.

Gemeinsam mit weiteren Hamburger Bands wie Tomte sorgten sie für ein Revival der Hamburger Schule, die ein Jahrzehnt zuvor von Bands wie Tocotronic oder Blumfeld geprägt worden war. Selbst wer mit Wiebuschs zur Nabelschau neigenden Lyrik nichts anfangen konnte, kam zwischen 2003 und 2008 an Kettcar kaum vorbei, denn Songs wie „Landungsbrücken raus“ und „Graceland“ liefen in den Indie-Diskos der Republik rauf und runter.

Wir fragten uns, ob überhaupt jemand kommt und es wurde eine Abrissparty.

Marcus Wiebusch, Sänger Kettcar, über den Auftritt 2002 im Underground in Ehrenfeld.

Nach vier Alben wurde es in den 2010er Jahren ruhiger um die Band, das Album „Ich vs. Wir“ von 2017 blieb das einzige Lebenszeichen im vergangenen Jahrzehnt. Die Popkultur entwickelte sich derweil weiter und ließ die Hamburger Schule hinter sich. „Wir wissen, dass wir nicht mehr der heißeste Scheiß sind“, sagte Marcus Wiebusch noch vor kurzem im Rundschau-Interview – das war allerdings, bevor sich das neue Album „Gute Laune ungerecht verteilt“ Anfang April aus dem Stand auf Platz eins der deutschen Charts setzte und dabei den globalen Superstar Beyoncé von der Pole Position verdrängte. Kettcar mögen nicht mehr der heißeste Scheiß sein, gehören aber auch noch längst nicht zum alten Eisen.

Nicht verwunderlich also, dass auch das Konzert im Kölner Palladium ausverkauft ist. Gefüllt wird Halle von einem Um-die-40-Publikum, in dem sich manch einer fragen mag, wo eigentlich die vergangenen 20 Jahre geblieben sind. Nach den ersten Songs vom neuen Album nehmen Wiebusch und seine Mitmusiker ihre Fans denn auch mit auf eine „Zeitreise ins Jahr 2002“, wie er sagt, dem Jahr von Kettcars erstem Kölner Konzert, damals noch im Ehrenfelder Underground. „Wir fragten uns, ob überhaupt jemand kommt und es wurde eine Abrissparty“, erinnert sich Wiebusch.

Zum Pogo-Tanzen lässt sich das Publikum heute kaum noch hinreißen, dafür zeigt es sich erstaunlich textsicher und sangesfreudig. Bei den Klassikern wie „Im Taxi weinen“ und „Balu“, aber selbst bei einigen neueren Songs, schallt es Wiebusch fast ebenso laut aus dem Zuschauerraum wieder entgegen. Das fällt durchaus leicht, denn trotz aller Befindlichkeit finden sich in vielen Kettcar-Texten einprägsame und humorvolle Slogans, wie etwa „solang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende“.

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Auch wenn Kettcar sich auf ihren neueren Alben politischen Themen zugewandt haben, halten sie sich auf der Bühne mit einschägigen Statements zurück. „Zu euch muss ich nicht predigen“, reflektiert Wiebusch, „wir hier sind die Bubble und ihr wisst, dass euch mehr verbindet als euch trennt.“ Stattdessen geben sich die Musiker sowohl nah- als auch dankbar. „Wir sind noch da und können machen was wir lieben, weil ihr noch da seid – danke dafür!“, sagt Reimer Bustorf, Bassist und zweites Gründungsmitglied der Band. Nach dem Finale mit „Landungsbrücken raus“ kehren die Hamburger denn auch für eine ausgiebige Zugabe auf die Bühne zurück, die sie mit dem passenden Song beschließen: „Ich danke der Academy“.

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