„Mein Herz ist kaputt“: Die berührenden Geschichten von geflüchteten Kindern in einer Kölner Schule

„Mein Herz ist kaputt“: Die berührenden Geschichten von geflüchteten Kindern in einer Kölner Schule

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„Mein Herz ist kaputt“Die berührenden Geschichten von geflüchteten Kindern in einer Kölner Schule

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Die Vorbereitungsklasse der Gustav-Heinemann-Schule sitzt in ihrem Klassenraum.

Copyright: Annika Ginster

In Vorbereitungsklassen lernen geflüchtete Kinder und Jugendliche Deutsch – Einblick in den Alltag in einer Kölner Klasse.

Sudenaz sitzt in einem bunt beklebten Klassenraum, vor ihr ein Buch mit dem Titel „Willkommen in Deutschland“. Die Schülerin schlägt das Heft auf und blickt auf gezeichnete Abbildungen eines Krankenhauses. Sudenaz kommt aus Syrien und ist 13 Jahre alt. Seit kurzem besucht sie eine Schule – zum ersten Mal in ihrem Leben. Das Fenster im Klassenraum ist weit geöffnet, eine Brise weht hinein.

An der Tafel werden deutsche Wörter gesammelt, die mit Arztbesuchen zu tun haben. Schüler rufen „Aua “, „krank “oder „Arzt“ in den Raum. Sudenaz fällt „Blutprobenröhrchen“ ein. Sie tippt das Wort auf Türkisch in den Google-Übersetzer und versucht, es auf Deutsch auszusprechen. Ihre Lehrerin Cornelia Beiteke fügt es überrascht zur Liste hinzu.

Sudenaz und ihre Mitschüler sitzen in einer Vorbereitungsklasse. Das kommunale Integrationszentrum, eine Behörde der Stadt, teilt ausländische Kinder an Schulen in Köln ein. Eine dieser Schulen ist die Gustav-Heinemann Schule in Chorweiler. In Vorbereitungsklassen sitzen Kinder im Alter von 11 bis 16 Jahren. In ihren Heimatländern waren sie teilweise auf einem Gymnasium, einige besuchen aber auch zum ersten Mal eine Schule. Ziel des Unterrichts ist es, die Grundlagen der deutschen Sprache zu lernen. Das sollen die Schüler innerhalb von zwei Jahre schaffen und anschließend in die Regelklassen kommen. An welche Schule ein Geflüchteter gehen wird, entscheidet erstrangig die Entfernung einer Schule zum Wohnort. 

Schulleiter einer Brennpunktschule: „Wir zelebrieren gelebte Vielfalt“

Andreas Malm, seit zehn Jahren Schulleiter der Gustav-Heinemann-Schule, kennt jeden seiner 300 Schüler mit Namen. „Ich würde behaupten, dass wir die Schule sind, die sich am intensivsten um ihre Kinder kümmert. Wir zelebrieren gelebte Vielfalt“, sagt Malm. Die Hälfte der Schüler hat keine deutsche Staatsangehörigkeit, und von der anderen Hälfte haben 80 Prozent einen Migrationshintergrund.

Armut und Hunger, Krieg und Flucht: Die Schülerinnen und Schüler in der Vorbereitungsklasse Chorweiler hatten einen denkbar schweren Start ins Leben. „Manchmal kann der Knall einer platzenden Brötchentüte schon ein Trigger sein“, sagt Malm. Angstzustände oder Aggressionen können Folgen einer traumatischen Belastungsstörung sein. „Wir könnten an dieser Schule zwei Psychologen rund um die Uhr beschäftigen“, sagt Malm. Und doch haben sie keinen einzigen.

Alltag in einer Vorbereitungsklasse – auf die Routine kommt es an

Jeder Morgen beginnt gleich in der Vorbereitungsklasse in Chorweiler. „Für die Schülerinnen und Schüler sind Rituale wichtig“, sagt Beiteke. Dazu gehört ein Umfeld mit gleich bleibenden Freunden und Lehrern. Das gelingt nicht immer, denn Mitschüler kommen und gehen regelmäßig, zum Beispiel weil sie in eine andere Unterkunft verlegt werden oder abgeschoben werden. „Mein Herz ist kaputt“, sagt Joshua in der Gesprächsrunde. Der Elfjährige musste sich vor kurzem von seinen Klassenkameraden verabschieden, sie wurden mit ihren Familien in eine andere Stadt verlegt. Abschied – Normalität in einer Vorbereitungsklasse.

Mein Herz ist kaputt

Joshua, 11 Jahre

Das Ritual beginnt: Die Kinder müssen das aktuelle Wetter beschreiben, das Datum aussprechen, dann werden die Klassendienste eingeteilt. Als diese Aufgabe beendet ist, fängt Beiteke künstlich an zu husten. „Oh nein, ich bin krank! Ich muss wohl zum Arzt. Welche Ärzte kennt ihr denn?“, fragt sie. Das gesprochene Wort haben wohl nicht alle verstanden, das künstliche Husten schon: Es geht ums Kranksein. „Es ist wichtig, Alltagsthemen zur Wortschatz-Erweiterung zu nutzen. Ich bin dafür da, die Kinder zu befähigen, ihr Leben sprachlich selbständig bewältigen zu können. Oft begleiten sie ihre Eltern zum Arzt, um zu übersetzen“, berichtet die Lehrerin.

In der VK in Chorweiler sitzen Jugendliche aus Syrien, der Ukraine, der Türkei, aus Albanien und anderen Staaten. Miteinander zu kommunizieren fällt schwer. Der Google-Übersetzer hilft ziemlich häufig – und trotzdem, einer normalen Unterhaltung können sie kaum folgen.

Daher spricht Beiteke langsam und gestikuliert viel. Zwischen ihr und ihren Schülern herrscht ein besonderes Verhältnis, es wirkt vertraut,  wärmer, nicht so distanziert wie in einer gewöhnlichen Schulklasse. Beiteke glaubt an jeden Schüler, freut sich mit ihnen auch über kleine Lernerfolge. Als ein Junge eine Buchseite über die Erdkröte zu Ende gelesen und Fragen dazu richtig beantwortet hat, strahlt die Lehrerin und lobt ihn überschwänglich. Ein anderer Schüler, der schon längst nicht mehr in der Vorbereitungsklasse ist, kommt Beiteke jeden Tag in der Pause besuchen und gibt ihr zur Begrüßung die Faust.

Die Lehrerin besucht die Kinder in ihren Flüchtlingsunterkünften, telefoniert regelmäßig mit den Eltern. Kennt alle Namen von Geschwistern und Freunden. Sie bezeichnet sich selbst als „Klassenmutti“. 

Sudenaz stammt aus Syrien und lebte einige Zeit lang in der Türkei. Ihr Mitschüler Dima ist vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet. In ihrer Klasse gibt es lediglich drei Kinder ohne Fluchterfahrung. „Manche Schüler können nur am geöffneten Fenster sitzen“, sagt Beiteke. Sie haben jahrelang immer wieder Zeit in Bunkern verbracht. Ein offenes Fenster gibt ihnen das beruhigende Gefühl, jederzeit flüchten zu können. 

Die Schüler der Vorbereitungsklasse überraschen

Das W-Lan streikt, eine geplante Übung fällt aus, Beiteke muss spontan umdisponieren. „Wir gehen jetzt rüber in unsere kleine Bücherei und schauen uns Sachbücher an. Ihr lest euch eine Seite durch, und wir schauen, was ihr davon behalten habt.“ Sudenaz bekommt ein Biologiebuch und unterhält sich darüber mit ihren Mitschülerinnen auf Türkisch. Auf einmal fliegen Wortfetzen wie „Guanin, Adenin und Cytosin“ durch den Raum, Fachbegriffe für die Nukleinbasen der DNA – Oberstufenbiologie.

In der fünften und sechsten Stunde geht es in die Küche. „Heute gibt es Kartoffelsuppe und Kuchen“, sagt Beiteke. Kochen wirkt Wunder. Auch die stilleren Kinder tauen plötzlich auf. Sie scherzen miteinander und toben herum. Sudenaz schält konzentriert die Kartoffeln. Kochen ist Teamarbeit, und gemeinsam schaffen sie es, etwas Leckeres auf den Tisch zu bringen. Wer kann, bleibt auch nach Unterrichtsschluss noch da, um mit den Mitschülern zu essen. Gemeinschaft die weit über die einer regulären Klasse hinausgeht, das bedeutet es in einer Vorbereitungsklasse in Chorweiler zu sitzen. Es bedeutet aber auch, als Kind geflüchtet zu sein und mit diesen Erinnerungen weiterleben zu müssen.

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