Howard Carpendale in der Lanxess-Arena: Als junger Mensch bei “Howie” – ein Selbstversuch

Howard Carpendale in der Lanxess-Arena: Als junger Mensch bei “Howie” – ein Selbstversuch

Rundschau |

Howard Carpendale in der Lanxess-ArenaAls junger Mensch bei “Howie” – ein Selbstversuch

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Howard Carpendale hat eine große Fanschar, jetzt spielte er in der Lanxess-Arena.

Copyright: Thomas Brill

Die Hallen sind voll, wenn Howard Carpendale singt. Mit dem Entertainer sind auch viele Fans würdig gealtert. Wie ist es aber als junger Mensch, erstmals ein Konzert des Stars zu erleben?

„Hooowiee“, kreischt eine Frau in der Reihe hinter mir. Mehrere machen es ihr nach und wedeln aufgeregt mit ihren Leuchtstäben. Dabei steht Howard Carpendale noch nicht mal auf der Bühne. Die fast ausverkaufte Lanxess-Arena erliegt dem Howie-Hype. Ganz unbedarft hatte ich ja zugesagt, mit meiner 63-jährigen Mutter zum Konzert ihres Lieblingskünstlers zu gehen.

Dass hinter dem alten Mann mit Vokuhila und amerikanischem Akzent derart treue Fans stehen, habe ich bis zu seinem Auftritt am Freitagabend nicht geahnt. Während meine Begleitung erwartungsvoll auf ihrem Platz rumwackelt, frage ich mich: Wie schafft es dieser Mann, dass ihm noch mit 78 die Herzen von Tausenden zufliegen?

Anders als schleichen, kann man die Art, wie Howie mit seinem Song „Let“s do it again!“ auf die Bühne kommt, nicht nennen. Sofort peilt er einen Barhocker an, den er nur für ein paar Refrains und die Pause verlässt. Ich frage mich deshalb „Can you do it again?“ und mache mir Sorgen, ob der Abend eine dramatische Wendung nehmen könnte. Schließlich hatte er vor dem Kölner Auftritt zwei Konzerte wegen eines Infekts absagen müssen.

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Carpendale ist extrem gesprächig

Glücklicherweise muss Howie nicht viel mehr tun als zu singen, die Arena hängt so oder so an seinen Lippen. 14 Bandmitglieder arbeiten währenddessen erfolgreich daran, aus dem Konzert eine Show zu machen. Wer denkt, ein Howie-Konzert im Sitzen bestreiten zu können, irrt. Nach mahnenden Blicken meiner Mutter stehe ich zwischen den anderen, die sich allesamt im Viervierteltakt wiegen und brav klatschen, bis die Handflächen brennen.

Mit ihrem Alter, Kurzhaarfrisur und Jeansjacke ist meine Mutter an diesem Abend so etwas wie der Prototyp des Howie-Fans. „Ich versuche zu sehen, wie viele Männer heute hier sind. Vielleicht tausend?“, fragt er schmunzelnd.

Howie ist, wie ich feststellen muss, extrem gesprächig. Mit seiner tiefen Stimme raunt er teils minutenlang Anekdoten der Kategorie „Herzerwärmend“ ins Mikro und zieht die Nummer mit dem Akzent dabei gnadenlos durch. Darunter sein liebstes Konfuzius-Zitat („Was du liebst, lass’ frei.“) und Geschichten über seinen hartgesottenen Bodyguard, dem bei Howies Musik Tränen übers Gesicht rollen. Natürlich sind die meisten seiner Sätze von einem kollektiven „Aaahh“ aus dem Publikum begleitet. Einmal muss ihn die Band abwürgen, weil er den Zeitrahmen sprengt.

Wer wird mal mein Carpendale werden?

Laut Howie hat seine Mitteilsamkeit aber mit seiner Zuneigung zu Köln zu tun. „Köln ist immer noch die herzlichste und lustigste Stadt, in der ich je gelebt habe.“ Über 30 Jahre habe er in der Scheidtweilerstraße in Braunsfeld gewohnt. Ich wage Kritik: „Ist das hier ein Konzert oder eine Podcastfolge?“ Meine Mutter verdreht die Augen: „Genau die richtige Mischung“, zischt sie.

Der Ärger über die unverschämte Tochter ist schnell verflogen. Denn die Howie-Nostalgiemaschine läuft gerade auf Hochtouren. Mit der Titelmelodie der ZDF-Hitparade, durch die Carpendale bekannt wurde, trifft die Band bei vielen tiefsitzende Erinnerungen. „Ich saß mit neun vorm Schwarz-Weiß-Fernseher, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe“, schwärmt meine Mutter. Dann zerrt sie mich am Oberarm vom Stuhl. Mein Becher, der vor mir auf dem Boden stand, kippt um. Aber dieser wildgewordenen Teenagerin ist das völlig egal. Denn „Tür an Tür mit Alice“ dröhnt durch die Arena, und es ist wieder 1977. Als Howie eine halbe Stunde Pause macht, erklärt sie, dass ihr vor allem Carpendales „einfühlsame“ Texte am Herzen liegen, die ich zuvor schwülstig genannt hatte. „Ich verbinde mit jedem Song von ihm ein bestimmtes Lebensgefühl oder eine bestimmte Situation.“

Sofort muss ich mir die junge Version meiner Mutter vorstellen, die mit Howie-Songs ihre Sorgen wegträllert, und werde sentimental, statt weiter zynisch zu sein.

Zwangsläufig frage ich mich, welche Künstlerin oder welcher Künstler später mein Howard Carpendale sein wird, und hoffe, dass meine zukünftigen Kinder dann weniger Witze auf Kosten meiner nostalgischen Stimmung machen.

Dann strecken Tausende ihre Handflächen in Richtung Himmel, als wäre ihnen der Heiland erschienen. Howie stimmt zum Finale „Ti amo“ an. Mit Fausthieben in der Luft verleiht eine Männer-Gruppe um die 40 jeder Silbe Ausdruck, die sie mitgrölen. Ich verwerfe meine Vorsätze und pruste los. Als die letzten Töne anklingen, frage ich meine Mutter, ob wir schon mal gehen sollen, um schneller draußen zu sein. „Nein, keine Sekunde eher. Solange Howie auf der Bühne steht, bleiben wir“, werde ich in die Schranken gewiesen.

Es passiert, als wir uns danach aus der Arena schlängeln: Ich summe den Refrain von „Ti amo“. Bevor ich mich selbst erwischen kann, tut es meine Mutter: „Siehst du, jetzt hat er dich auch!“

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