„Der Job ist wie eine Achterbahnfahrt“: Was der Veedelskümmerer des Eigelstein täglich erlebt

„Der Job ist wie eine Achterbahnfahrt“: Was der Veedelskümmerer des Eigelstein täglich erlebt

Rundschau |

„Der Job ist wie eine Achterbahnfahrt“Was der Veedelskümmerer des Eigelstein täglich erlebt

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Veedelskümmerer Michael Seffen zieht täglich mit seinem „EigelBike“ durch die Straßen des Viertels.

Copyright: Thomas Dahl

Michael Seffen sorgt hauptberuflich für Lebensqualität im Eigelsteinviertel. Dafür steht er früh am Morgen auf – ist aber auch am Abend ansprechbar.

Um sechs Uhr morgens ist es am Eigelstein noch ruhig. Doch die Echos der Menschenströme aus der vergangenen Nacht hallen nach. Die Hauptader des Veedels ist mit Spuren gezeichnet. Müll liegt trotz der zahlreichen Abfallbehälter auf der Straße. In den Pflanzenkübeln haben sich unzählige Zigarettenstummel, Plastikverpackungen, Pappbecher und Schnapsflaschen gesammelt. Michael Seffen wundert sich wie an jedem neuen Tag kopfschüttelnd über die Gedankenlosigkeit der Verschmutzer und macht sich an die Arbeit.

Bevor er den Müll wegräumt, muss Seffen in anderer Sache anpacken: „Als Erstes entferne ich die Poller zum Eigelstein, damit der Lieferverkehr hineinkommt“, berichtet der 61-Jährige. Dies geschehe meistens noch im Halbschlaf. Dann befreie Seffen die Kübel auf der Strecke bis zur Unterführung am Hauptbahnhof vom Müll. „Wenn ich das erledigt habe, bin ich oftmals selbst so verschmutzt, dass ich mich zu Hause umziehen muss“, erzählt er.

Anwohner nennen Michael Seffen „Sheriff“ des Eigelstein

Michael Seffen wohnt nicht nur im Viertel, er ist auch der Kümmerer eines Areals, das sich vom Eigelsteintor über den Ebertplatz, entlang des Hansarings bis zur Gereonsmühle, Richtung Nord-Süd-Fahrt erstreckt, um schließlich wieder auf dem Eigelstein zu enden. „Ich überschreite ab und an die Grenzen und schaue auch im Kunibertsviertel nach dem Rechten“, erklärt der ausgebildete Groß- und Außenhandelskaufmann. Schließlich sei er im Nachbarschaftsveedel groß geworden.

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„Ich habe schon in vielen Stadtteilen gelebt, bin aber immer wieder zurückgekommen. Es lag mir schon früh am Herzen, mich hier zu engagieren“, sagt er. Als Seffen vom Bürgerverein Eigelstein Köln erfuhr, fand er sein Ehrenamt. „Irgendwann hieß es, ‚Michael, wir brauchen einen Veedelsmanager, und du bist der richtige Mann dafür‘“, erinnert sich der einstige Mitarbeiter einer Werbeagentur. Und ihm erschien das Angebot als interessant.

Ich werde hier so lange unterwegs sein, bis ich nicht mehr laufen kann.

Michael Seffen

Um 11 Uhr sperrt der von vielen Anwohnern als „Sheriff“ bezeichnete Kümmerer den Eigelstein wieder für den motorisierten Verkehr, denn das Areal wurde 2021 zur Fahrradstraße umgewidmet. „Wenn ich mich auf meinen Weg zum Ebertplatz mache, kommt immer irgendwer auf mich zu, der ein kleines oder großes Problem hat. Die Leute kennen mich“, erzählt Seffen.

Die Verstimmtheiten, mit denen er konfrontiert wird, sind vor allem im Drogenmissbrauch, Vermüllungen, Obdachlosigkeit und Prostitution verankert, deren Auswirkungen die Bewohnerinnen und Bewohner zu spüren bekommen.

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Der Veedelskümmerer sorgt auch für die angelegten Pflanzenbeete.

Copyright: Thomas Dahl

„Nehmen wir die Dealer am Ebertplatz. Wenn der Fahndungsdruck durch die Polizei vor Ort hoch ist, drängen die Jungs vermehrt in die Seitenstraßen des Eigelsteinviertels“, so Seffen. „Die Nachbarschaft nimmt das unmittelbar wahr und berichtet mir davon.“ Dafür habe er zwar keine Lösungen, es sei ihm jedoch wichtig, über die Situation auf dem Laufenden gehalten zu werden, um über die Geschehnisse nicht nur aus den Medien zu erfahren.

Gute Kontakte zur Polizei, Streetworkern und dem Ordnungsamt nutzt Seffen zum Austausch oder für Hinweise auf Delikte. Nach seiner Tour findet zwischen 13 und 14 Uhr eine tägliche Sprechstunde im „Veedelszimmer“ auf der Weidengasse 23 statt. Seit einigen Jahren verfügt der Bürgerverein dort über Räumlichkeiten, die für Beratungen, Problemschilderungen aber auch Ausstellungen und Feste genutzt werden.

„Viele Leute wollen einfach mal Dampf ablassen, weil sie von der Verrohung und Verschmutzung in ihrem Veedel genervt sind. Da sind auch Gastronomen bei, die sich wundern, warum andere ein Außenareal zur Bewirtung zugestanden bekommen, sie aber nicht. Dem gehe ich dann nach“, sagt der Hauptamtler, dessen Gehalt von rund 200 Mitgliedern und Einnahmen aus Veranstaltungen, etwa dem Weihnachtsmarkt, finanziert wird.

Oftmals ist um 14 oder 15 Uhr noch kein Feierabend für den Veedelskümmerer, da er stets ansprechbar sei, auch am Abend. Doch das nimmt er in Kauf. „Leute kommen auf mich zu und schwärmen, ‚Toll, was du machst. Dankeschön dafür‘“, erzählt er. „Der Job ist wie eine Achterbahnfahrt, bei der man mit angenehmen Erlebnissen, aber auch Tragödien konfrontiert wird. Ich mache das vermutlich, bis ich nicht mehr laufen kann“, sagt Michael Seffen.


Veedelszimmer

Weidengasse 23, 50668 Köln,

Sprechzeiten: Montag bis Freitag 13 bis 14 Uhr

Webseite: www.eigelsteinveedel.de

Telefon: 01520 2677741

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