Der Diktator in meinem Bett

Der Diktator in meinem Bett

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Der Diktator in meinem Bett

Unser Autor hat seit kurzem einen Welpen. In dieser Kolumne berichtet er von seinem neuen Leben mit Sissi. Folge 5: Wer ist hier der Boss?

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Beim Anblick eines Welpen fällt es gar nicht so leicht, streng zu sein.
Illustration: FDE

Als Theresa und ich unseren kleinen Cockapoo vor drei Monaten von der Züchterin abholten, stellten wir eigentlich klare Regeln auf: Das Bett ist tabu, Anspringen unterbinden wir, sie darf nicht ins Badezimmer und wir geben ihr kein Futter vom Esstisch.

Die erste Regel hielt gerade mal ein paar Stunden. Sissi hatte so herzerweichend gejault, dass wir sie nach zwei Minuten ins Bett holten. „Aber nur heute, weil es ihre erste Nacht bei uns ist“, hatten wir gesagt. Mittlerweile lasse ich sie im Bett schlafen bei Gewitter, wenn Theresa im Nachtdienst ist, samstags, sonntags, und wenn am nächsten Tag sowieso Waschtag ist. Das Bad ist wegen der kalten Fließen längst einer ihrer Lieblingsplätze. Und ihre Speisekarte wurde zunächst um Käse ergänzt, später kamen noch Äpfel und Ananas dazu.

Man könnte annehmen, dass sie uns dafür aus lauter Liebe den ganzen Tag das Gesicht ableckt oder uns wenigstens mal so eine kleine ausgeweidete Waldmaus vors Bett legt, wie das Katzen machen (es ist der Gedanke, der zählt). Doch stattdessen führt sie sich auf wie ein kleiner kläffender Despot, der uns als ihre Untertanen betrachtet. Beim Gassigehen legt sie sich irgendwann auf den Bauch und bleibt dort so lange liegen, bis wir sie aufheben und den Rest des Weges tragen. Wir haben wahrscheinlich den einzigen Hund auf der Welt, der nicht auf seine 10 000 Schritte am Tag kommt. Wenn sie keine frischen Früchte von unseren Tellern bekommt, macht sie am Frühstückstisch ein Theater wie ein verwöhnter Millionärsspross, der wegen Überbuchung ausnahmsweise Business Class statt First Class fliegen muss. Und wehe, man fordert sie auf, das Bett zu verlassen.

Als ich sie gestern Abend vom Bett befördern wollte, damit ich auch ein bisschen Platz zum Schlafen habe, knurrte sie mich an und schnappte nach meiner Hand. Im Internet und auf der Hundewiese bekommt man leider immer noch häufig den Tipp, in solchen Fällen einfach ein Glas Wasser über das Tier zu schütten. Doch Strafen können bei Hunden zu Angstzuständen und aggressivem Verhalten führen. Eine Studie der Universität Barcelona fand heraus, dass 95 Prozent der Hunde, die an Beißvorfällen beteiligt sind, über Strafe erzogen wurden. Deshalb verteilte ich lieber eine handvoll Leckerli als Opfergabe auf der Matratze, um die Herrscherin zumindest so weit zu besänftigen, dass sie sich vom Bett tragen lässt.

Vergangene Woche waren wir mit Sissi in Tirol bei Theresas Familie. Bei der Familie leben Katzen und Pferde, entsprechend erfahren sind dort alle im Umgang mit Tieren, allen voran Theresas Schwester, die wir an dieser Stelle einfach mal Cruella nennen. Cruella liebt Tiere, das bitte nicht falsch verstehen. Ihr Umgang mit ihnen ist für mich bloß etwas… gewöhnungsbedürftig. Das zeigte sich schon bei der Begrüßung, als Sissi meine Schwägerin an der Tür vor Freude ansprang und diese den kleinen Hund direkt mit festem Griff auf den Boden drückte. Knallhart. Ich habe Sissi natürlich direkt auf den Arm genommen, sie geküsst und getröstet, das arme Ding.  

Drinnen war bereits der Esstisch gedeckt. Zweimal versuchte Sissi, mit der Schnauze an die Teller zu kommen, zweimal drückte Cruella sie wieder runter. Beim dritten Mal reichte es meiner Schwägerin. Sie packte den kleinen Hund und schickte ihn auf die Terrasse, wo sie uns durch die Glasfront beim Essen zugucken musste. Innerlich hat mir das Herz geblutet, die kleine Sissi da draußen so alleine zu sehen. Getraut zu widersprechen, habe ich mich trotzdem nicht. Zum einen, weil ich am Ende nicht auch draußen auf der Terrasse landen wollte. Außerdem fühlte ich mich unsicher, immerhin war ich nur Gast. Ihr Haus, ihre Hausregeln. Also saß ich da, aß schweigend meine Nudeln und starrte krampfhaft auf meinen Teller, um Sissis anklagendem Blick aus dem Weg zu gehen. Ja, gut, dachte ich mir. Sie wird der Cruella bei der erstbesten Gelegenheit die Kehle durchbeißen, sobald sie erstmal wieder im Haus ist. Ein Sprung, ein Happs, tot. Tragisch, aber sie hat es halt auch provoziert.

Aber von wegen. Sissi liebt meine Schwägerin. Cruella zog die harte Linie das ganze Wochenende durch, Sissi musste im Café sogar auf dem Boden liegen, statt wie gewohnt auf unserem Schoß. Das arme Ding. Und Sissi scharwenzelte ständig um Cruella herum und buhlte um ihre Aufmerksamkeit wie ein 18-Jähriger um die Gogo-Tänzerin auf der Box im Club. Beim gemeinsamen Spaziergang am Abend ins Restaurant führte Theresas Schwester die Leine. Und Sissi? Trappte eifrig nebenher und suchte immer wieder den Blick ihrer Domina. Ich hatte gar nicht gewusst, dass Hunde mit erhobenem Kopf überhaupt laufen können. Bei mir hat Sissi die Schnauze konsequent im Dreck und klaubt alles auf, was ihr vors Maul kommt. Hielt mal für einen Moment einer von uns Statisten die Leine, drehte Sissi ihren Kopf alle paar Sekunden nach hinten, um sich zu vergewissern, dass Cruella auch noch da ist. Theresa und ich? Die beiden, die Sissis Futter bezahlen? Die seit drei Monaten nachts auf der Hundewiese stehen, auch bei Wind und Regen? Völlig abgemeldet. Sissi hat Cruella nicht ein einziges Mal angeknurrt.

Ich gebe zu: Das hat mich schon ein bisschen eifersüchtig gemacht, weshalb ich zurück in München im Internet recherchiert habe, warum zum Teufel meine kleine Sissi meine Schwägerin lieber mag als mich. Und tatsächlich scheint es wohl so, dass man Sissi gar keinen Gefallen tut, wenn man sie verhätschelt. Hunde brauchen konsequente Regeln. Wenn man gelegentlich ein Auge zudrückt, deuten sie das als Schwäche. Im Grunde ähnlich wie bei Menschen. Ein Abteilungsleiter, der heute Raucherpausen erlaubt und morgen verbietet, wird von seinen Angestellten auch schnell als Fähnchen im Wind abgestempelt. Hunde brauchen eine Führungsperson. Das gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit. Nur so können sie eine gesunde Beziehung zu ihren Besitzer:innen aufbauen. 

Für mich bedeutet das: Ich muss strenger werden. Klare Grenzen ziehen und diese ab sofort auch einhalten. Ohne Ausnahme. Gleich morgen fangen wir damit an. Heute darf sie nochmal im Bett schlafen. Sie knurrt nämlich schon wieder …

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