Bis zu 4000 Euro brutto für die Nageldesignerin

Bis zu 4000 Euro brutto für die Nageldesignerin

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Bis zu 4000 Euro brutto für die Nageldesignerin

Bayan, 21, betreibt ihr eigenes Nagelstudio. Sie erzählt, was ihre Migrationsgeschichte damit zu tun hat und wieso Nail Art bei ihr teurer ist als in anderen Salons.

Schon als Jugendliche veranstaltete Bayan mit ihren Freundinnen Nagellack-Partys. Heute verdient sie mit Nail Art ihr Geld.
Foto: Privat/Bearbeitung: SZ Jetzt

Bayan konnte sich im deutschen Bildungssystem nicht einfinden, vor allem ihre künstlerische Neigung kam zu kurz. Sie brach die Schule in der Abi-Phase ab und entdeckte während einer Ausbildung zur Make-up-Artist das Nail Design für sich. Heute kann sie sich in ihrem eigenen Nagelstudio kreativ an den Händen ihrer Kundinnen ausleben.

„Mein Arbeitsalltag ist sehr abwechslungsreich. Einen Tag plane ich immer ein, um meine Terminanfragen zu organisieren. Meistens ist das der Montag. Trotzdem kommen an dem Tag auch Kundinnen.

Vor dem eigentlichen Termin schicken meine Kundinnen mir in der Regel Designvorstellungen. Einige nutzen dafür fertige Nagelsets aus dem Internet; andere erstellen Moodboards, also Collagen aus Bildern, die eine bestimmte Stimmung einfangen. Wieder andere lassen sich von mir Moodboards erstellen oder wählen die ‚Freestyle Option‘ und lassen mich frei entscheiden, was auf ihre Nägel kommt. Zwischen den Terminen muss ich die Arbeitsfläche reinigen. Im besten Fall finde ich auch noch Zeit, kurz durchzuatmen. Da ich mich auf aufwendige Designs spezialisiert habe, kann so ein Termin bis zu vier Stunden dauern. Jede einzelne Sekunde ist dabei wichtig, ich arbeite fast täglich 13 Stunden durch. Mittlerweile lege ich einen freien Sonntag ein, um auch mal zur Ruhe zu kommen.“

„Nachdem ich 2021 die Schule während der Abi-Phase abgebrochen hatte, spürte ich, dass ich meiner künstlerischen Ader nachgehen muss. In der Schule konnte ich mich nie richtig ausleben – ich kam auch erst 2016 aus Syrien nach Deutschland und konnte mich nie so richtig ins deutsche Bildungssystem einfinden. Gemalt und gezeichnet habe ich immer schon sehr gerne. Mit 13 habe ich angefangen, mich zu schminken. Ich habe mich auch gerne mal nachts vor dem Duschen geschminkt. Das hat mir viel Kraft gegeben. Ich fing an, meine Freundinnen und meine Schwester zu schminken oder Nagellack Partys bei mir zuhause zu veranstalten. Nägel lackieren, Gespräche unter Freundinnen, das gehörte einfach zusammen.

Während der Corona-Pandemie habe ich mir bei Amazon so ein Starterset für zuhause bestellt und mir die Basics der Gelmaniküre selbst beigebracht. 2022 habe ich eine siebenmonatige Ausbildung zur Make-up-Artist begonnen und währenddessen professionelle Weiterbildungskurse für Nail Art besucht. Ende des Jahres habe ich mein Gewerbe angemeldet. Erst kamen meine Kundinnen zu mir nach Hause. Vor einem Jahr habe ich ein Tiktok über meine Arbeit gemacht, das viral gegangen ist. Das war mein Durchbruch. Davor habe ich vielen Frauen um die 40 die Nägel gemacht, mittlerweile ist mein Klientel jünger. Seit Dezember 2023 habe ich ein eigenes Studio.“

„Anfangs hatte ich überhaupt kein Privatleben. Alles drehte sich nur um die Arbeit, ganz egal, ob ich im Studio mit meinen Kundinnen beschäftigt war oder zuhause Papierkram erledigen musste. Und wenn du so ein Business aufstellst, erfährst du schnell, wer deine echten Freundinnen sind. Nach meinem viralen Tiktok haben sich alte Bekannte bei mir gemeldet, mit denen ich nie viel zu tun hatte. Sie wollten nur, dass ich auf Instagram Werbung für sie mache.“

„Die meisten Leute fragen mich, wie viel Geld man verdient und ob es sich überhaupt lohnt, ein Studio zu eröffnen. Um mal direkt darauf zu reagieren: Am Anfang lohnt es sich nicht, ein Studio zu eröffnen. Man muss viel Zeit, Geld und Nerven investieren, bis es sich wirklich auszahlt.“

„Mittlerweile verdiene ich mal um die 3000, mal 4000 Euro brutto pro Monat. Gerade durch meine hohen Materialkosten habe ich am Anfang an der Grenze gelebt. Mittlerweile kann ich gut von meinem Umsatz leben. Ich will weiter wachsen und Mitarbeiter:innen einstellen, die mich entlasten.“

„Als Selbstständige musst du gut mit Papierkram umgehen und dich eigenständig organisieren können. Erst recht am Anfang. Irgendwann kann man bestimmte Aufgaben ja auch abgeben, zum Beispiel an eine:n Steuerberater:in. Für die Gelnägel braucht es Kreativität und eine künstlerische Neigung, vor allem bei aufwendigen Designs. Wichtig ist auch, dass man gut auf Kundinnen eingehen kann und gesprächig ist. Nur so lässt sich das Vertrauen aufbauen, das bei diesem Job unverzichtbar ist.“

„Viele erwarten von mir günstigere Preise. Sie gehen vermutlich von den Preislisten in üblichen Nagelstudios aus, die weder solche Designs anbieten noch dasselbe Material. In den meisten Nagelstudios werden Acrylpulver und Gels verwendet und daraus Massenware produziert. Ich verwende sogenanntes Gel-X und beziehe das Material über US-amerikanische und koreanische Onlineshops. Da muss ich hohe Versandkosten in Kauf nehmen und Zoll draufzahlen. Für die Arbeit mit all den feinen Linien und Spezialeffekten brauche ich länger als für eine gängige Acryl- oder Gelnagelverlängerung. Das lässt sich einfach nicht vergleichen, trotzdem beeinflusst das die Erwartung vieler Interessierten – und Hatern auf Social Media.“

„Meine ältere Schwester hielt immer als Übungsmodell her. Meine ersten Versuche sahen nicht gut aus, sie stand trotzdem geduldig an meiner Seite und ließ mich an ihrer Hand weiter trainieren. Auch mein Bruder hat mir seine Hände zur Verfügung gestellt – bei ihm durfte ich aber nur die Nagelhaut entfernen. Sowieso hat meine ganze Familie mich in jeder Hinsicht bei meinem Werdegang unterstützt, auch finanziell. Dafür bin ich sehr dankbar.“

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