Besondere Führung: Wie Demenzkranke Barockkunst im Kölner Wallraf-Richartz-Museum erleben

Besondere Führung: Wie Demenzkranke Barockkunst im Kölner Wallraf-Richartz-Museum erleben

Rundschau |

Besondere FührungWie Demenzkranke Barockkunst im Kölner Wallraf-Richartz-Museum erleben

Lesezeit 4 Minuten

Viel zu entdecken findetJochen Schmauck-Langer zusammen mit der Gruppe bei jedem Bild.

Copyright: Meike Böschemeyer

Für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen gab es jetzt eine Führung durch das Wallraf-Richartz-Museum.  

„Da sind zwei Kinder, die sich freuen, ein Lämmchen zu haben und zu streicheln.“ Die kölsche Seniorin schäumt über vor Mitteilungsbedürfnis. Zusammen mit einem Dutzend anderer Menschen nimmt die demenzkranke Frau teil an einer speziellen Führung durch die Barock-Sammlung des Wallraf-Richartz-Museums. Jochen Schmauck-Langer von dementia + art bietet seit rund zehn Jahren Führungen für Demenzkranke oder Menschen mit psychischen Erkrankungen an. Das Bild mit den Kindern und dem Lamm ist das erste Kunstwerk, das die Gruppe ansteuert.

Was ihn mit seiner Gruppe erwartet, kann Schmauck-Langer nicht vorhersehen. „Ich habe einen situativen Ansatz, ich muss schauen, was möglich ist“, sagt er. Ihm kommt zugute, dass er als Historiker und Literaturwissenschaftler sowohl einen tragfähigen geisteswissenschaftlichen Hintergrund hat als auch über langjährige Erfahrung mit Demenzkranken verfügt. „Ich habe drei Jahre in der Betreuung von Demenzkranken gearbeitet“, sagt er.

Offenheit für die momentane Verfassung

Da kann ihn weder die mitteilungsfreudige Kölsche noch der verschreckte Senior, der schon nach den ersten Schritten in den Ausstellungssaal wieder nach Hause möchte, schockieren. Mit dem gehen, was gerade ist – diese Herangehensweise haben sowohl die ehrenamtlichen Betreuerinnen und Betreuer als auch die Ehepartner, die bei dieser Führung dabei sind, verinnerlicht.

„Erst haben wir uns tagelang darüber unterhalten, dass wir ins Museum gehen, dann wollte meine Frau heute nicht mit“, erzählt ein 77-Jähriger. Seit rund zwei Jahren ist seine Frau dementiell erkrankt. Die beiden verbringen viel Zeit zuhause.„ Es ist aber ganz wichtig, herauszukommen“, findet der pflegende Ehemann.

Gemeinsames Erlebnis: Dieses Ehepaar genießt den Ausflug ins Museum.

Copyright: Meike Böschemeyer

Schmauck-Langer geht es bei seinen Führungen nicht in erster Linie darum, Bildung zu vermitteln, sondern den Menschen Teilhabe an Kultur zu ermöglichen. Dazu nimmt er sich ausgiebig Zeit. Vier Kunstwerke der niederländischen Meister steuert er an. Er vermittelt ein  wenig Hintergrundwissen, stellt aber in erster Linie interessierte Fragen. Fragen, die dazu verleiten, sich das Bild genau anzusehen, es abzugleichen mit Erfahrungen und Gefühlen.

„Sind das zwei Jungs oder zwei Mädchen?“, fragt er bei den Kindern mit dem Lamm. „Dat wissen mer net. Mir ham denen nit untern Rock geguckt“, sprudelt es aus der quirligen Kölschen heraus. Andere sind überlegter:  Entdecken Unterschiede in der Kleidung, ein Pelzkragen bei dem Jungen, Stickereien auf dem Kleid des Mädchens. Mit immer neuen Fragen und Antworten erschließen sich die Betrachtenden das Bild. „Was sagen uns die Blicke?“, will der Führungsleiter wissen. Oder: „Was liegt zu Füßen der Kinder?“

Erinnerungen werden geweckt

„So viel Zeit nimmt man sich ja normalerweise gar nicht für die Betrachtung eines einzelnen Bilds“, resümiert ein älterer Mann, der auch mit seiner demenzkranken Frau da ist. „Beseelte Bilder“ ist der Saal, in dem das Bild „Zwei Kinder mit Lamm“ hängt, betitelt. Die Meister des Lichts, die vor rund 400 Jahren die Kunstwerke geschaffen haben, schlagen auch heute  noch die Menschen in den Bann – ganz unabhängig, ob sie demenzkrank sind oder nicht. „Wir waren viel in Museen. Mein Vater hat sich auch für Kunst interessiert“, erinnert sich eine ältere Dame mit glühenden Wangen und strahlenden Augen.

Nach einem Hafenbild und zwei Porträts ist eine gute Stunde vergangen. „Ich zeige Ihnen jetzt das schönste Bild im Museum“, lockt Schmauck-Langer seine Gruppe. Vor dem riesigen Fenster mit Blick auf den Dom kommt die Gruppe zum Stehen. Vom Handy spielt Schmauck-Langer den Ostermann-Song „Ich möch zo fos nach Kölle jon“. Textsicher stimmt die gut gelaunte Kölsche sofort ein. Auf dem Rückweg zum Aufzug noch ein kurzer Stopp an Jan Brueghels Blumenbild.

Nachdem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine ganze Reihe von Blumensorten aufgezählt  haben, die sie in der feinen Glasvase erkennen, spielt Schmauck-Langer den  Schlager „Tulpen aus Amsterdam“ an. Manchmal, wenn es passe, setze er auch Musik ein, erzählt er. „Wollen wir tanzen?“, platzt  die kölsche Frau heraus. Sie strahlt beseelt. Und auch die anderen sehen glücklich aus. „Das war ein schönes Erlebnis“, ist sich ein Ehepaar einig. Es sei nicht so leicht, sich gemeinsam „raus zu trauen“, gibt der pflegende Ehemann zu. „In dieser Gruppe haben wir uns sicher und wohl gefühlt.“ 


Angebote für Menschen mit Demenz

3 Mal im Jahr etwa will der Demenzdienst „Gemeinsam für Menschen mit Demenz“ der Malteser zusammen mit Jochen Schmauck-Langer von dementia+art Museums-Führungen für Menschen mit Demenz sowie ihre An- und Zugehörigen anbieten. Die Führungen finden als Angebot des Museumsdienstes Köln statt.

Der Museumsdienst bietet auch spezielle Angebote für ältere Menschen, Menschen mit Behinderung und lebenslanges Lernen an. Dazu gehören Führungen durch das Museum Ludwig, das Wallraf-Richartz-Museum, das Museum für Ostasiatische Kunst und das Römisch-Germanische Museum. 

Eine Übersicht über die buchbaren Angebote des Museumsdiensts gibt es online. Die Angebote von dementia+ art sind ebenfalls online zu sehen. 

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