Wohin am Osterwochenende?

Monopol-Magazin

Die Kunst der Woche in Bonn, Gent, Hamburg, London, Paris und Wien

Sexarbeit in Bonn

Premiere in der Bundeskunsthalle: Erstmals haben dort Sexarbeiterinnen eine Ausstellung mit kuratiert. Es geht um die Rotlichtbranche und ihre lange Geschichte. “Sex Work” erzählt die Geschichte der Sexarbeit seit der Antike. In den staubigen Straßen des alten Athens sollen Prostituierte Sandalen getragen haben, die einen Abdruck mit der Aufschrift “Folge mir” hinterließen.

Die Ausstellung setzt Schlaglichter auf Kunst- und Kulturgeschichte ebenso wie auf gesellschaftspolitische Themen. Kunst und Erotik waren häufig eng verflochten, so erwarteten wohlhabende Besucher der Pariser Oper im 19. Jahrhundert “Gefälligkeiten” für ihr Mäzenatentum. In vielen patriarchalen Gesellschaften habe Sexarbeit für Frauen die einzige Möglichkeit dargestellt, Geld zu verdienen, so die Ausstellungsmacherinnen.

Die Geschichte der Sexarbeit ist demnach geprägt von einem Wechselspiel aus Liberalisierung und Restriktion. Ein krasses Beispiel dafür ist das libertäre Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre, gefolgt vom Nationalsozialismus. 1942 wurden auf Anweisung von SS-Chef Heinrich Himmler, einem der Hauptverantwortlichen für den Holocaust, in mehreren Konzentrationslagern Lagerbordelle eingerichtet. Frauen stellten sich dafür zur Verfügung, weil ihnen bessere Lebensbedingungen und frühzeitige Entlassung versprochen wurden. Nach dem Krieg wurde dieses Kapitel nach den Recherchen der Kuratorinnen jahrzehntelang totgeschwiegen, auch um die Häftlinge nicht in Misskredit zu bringen. Die Entscheidung der Frauen, ihre Sexualität zum Überleben einzusetzen, wurde stigmatisiert.

Ein großer Teil der Schau behandelt die Entwicklung nach 1945. In den 1980er Jahren wurde Aids von konservativen Kräften vielfach als “Strafe Gottes” sowohl für Homosexualität als auch für Prostitution dargestellt. Die Ausstellung zeigt ein Plakat des Staates Kalifornien, der als Schutzmaßnahme gegen die damals noch tödlich verlaufende Krankheit eheliche Treue empfahl. Die 80er waren aber auch die Zeit, in der in Berlin und Frankfurt/Main erste autonome Projekte von Prostituierten zur Wahrnehmung ihrer Interessen gegründet wurden. (dpa)

“Sex Work. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit”, Bundeskunsthalle, Bonn, bis 25. Oktober

Foto: Archiv Museum Gunzenhauser, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Otto Dix “Die Kupplerin”, 1923, zu sehen in der Bundeskunsthalle, Bonn

Hisae Ikenaga in Gent

Was passiert, wenn Dinge ihre Funktion verlieren? Die Künstlerin Hisae Ikenaga geht dieser Frage in ihrer ersten Einzelausstellung in Belgien nach. Unter dem Titel “Anatomies of Use” versammelt sie Arbeiten, in denen industrielle und alltägliche Gegenstände ihrer ursprünglichen Bestimmung entzogen und neu zusammengesetzt werden. Vertraute Formen geraten dabei ins Kippen, ihre Nutzung bleibt offen, Bedeutung verschiebt sich.

Auch ihre keramischen Arbeiten kreisen um diese Transformationen. Ausgehend von zylindrischen Formen, die an industrielle Werkzeuge erinnern, entstehen Objekte zwischen Design, Skulptur und Spur. Eine neue Videoarbeit, entstanden in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Paula Onet, verbindet handwerkliche und medizinische Gesten und bewegt sich zwischen Werkstatt und Labor. Ikenaga interessiert sich dabei für das Nachleben von Dingen und für die Frage, welche Geschichten in ihnen gespeichert sind.

“Hisae Ikenaga: Anatomies of Use”, Kiosk, Gent, bis 7. Juni

Courtesy KIOSK

Hisae Ikenaga “Anatomies of Use”, 2026

Musik und Kunst in Hamburg

Ob das “Ländliche Konzert” (1509–1510), das Giorgione oder Tizian zugeschrieben wird, oder Piet Mondrians “Broadway Boogie Woogie” (1942): Die bildende Kunst beschäftigt sich seit jeher mit der vermeintlich bildlosen Kunst der Musik. Heute lassen sich die Grenzen zwischen den Disziplinen kaum noch ziehen. Ob Malerei, Klang oder Performance – oft verschränken sich die Medien, und die Rollen von Künstler:innen und Musiker:innen gehen ineinander über.

Die Ausstellung “When Music Becomes Form” am ICAT der HFBK Hamburg nimmt genau diese Wechselbeziehungen in den Blick. Gezeigt werden Arbeiten von Künstler:innen aus dem Umfeld der Hochschule, die Bild und Klang zusammenführen, etwa in Installationen, performativen Formaten oder musikalisch erweiterten Gemälden.

“When Music Becomes Form”, ICAT der HFBK, Hamburg, ab 8. April

Foto: Tim Albrecht

Eingangshalle der HFBK Hamburg 

Veronica Ryan, Senga Nengudi und Gabriel Chaile in London

Gleich drei Ausstellungen eröffnen an diesem Wochenende in London. Mit “Senga Nengudi: Performance Works 1972-1982” zeigt die Whitechapel Gallery eine der prägenden Stimmen von Black Art und Feminismus seit den 1970er- und 1980er-Jahren. Neben ihrer bekannten Performance mit Nylon-Strumpfhosen spannt die Ausstellung einen umfassenden Bogen über die multidisziplinären Arbeiten der mittlerweile über 80-jährigen Künstlerin.

Der zwischen Lissabon und Argentinien lebende Künstler Gabriel Chaile begibt sich in “Archaeology of Memory” in den Nordwesten Argentiniens. Mit anthropologischem Ansatz untersucht er die indigenen Kulturen der Region. Aus Adobe, einem dort typischen Lehm, formt Chaile überdimensionale Skulpturen, die an archäologische Funde erinnern. Im Zentrum steht die “Genealogie der Form” – also die Frage nach Ursprüngen und Wirkungen sich wiederholender Motive und Objekte im Verlauf der Geschichte.

Die natürliche Welt und die menschliche Psyche stehen dagegen im Fokus von Veronika Ryans vielschichtiger Arbeit. Sinnlichkeit und Lebenskraft der Natur verbinden sich darin mit der Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein – und treten zugleich immer wieder in Spannung zueinander. Unter dem Titel “Multiple Conversations” zeigt die Whitechapel Gallery über 100 Arbeiten der Künstlerin, darunter auch neu präsentierte großformatige Skulpturen und Zeichnungen.

“Veronica Ryan: Multiple Conversations”, Whitechapel Gallery, London, bis 14. Juni

“Senga Nengudi: Performance Works 1972-1982”, Whitechapel Gallery, London, bis 14. Juni

“Gabriel Chaile: Archaeology of Memory”, Whitechapel Gallery, London, bis 6. September

Foto: Steven Probert, courtesy Paula Cooper Gallery, New Yorkand Alison Jacques Gallery, London, © Veronica Ryan

Veronica Ryan “Disavowal (She Follows You Around)”, 2002

Pauline Curnier Jardin, Benoît Piéron und Marie Wade in Paris

Auch im Palais de Tokyo in Paris eröffnen an diesem Wochenende drei neue Ausstellungen. Mit Pauline Curnier Jardin, Benoît Piéron und Cheryl Marie Wade treffen hier sehr unterschiedliche künstlerische Positionen aufeinander, die sich mit Körpern, Identitäten und Abweichungen von gesellschaftlichen Normen beschäftigen.

In “Virages Vierges” widmet sich die Französin Pauline Curnier Jardin Momenten des Abweichens und der Umkehr. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Film, Installation und Ritual und kreisen um weibliche Körper, die zwischen Zuschreibung und Selbstermächtigung stehen. Ausgangspunkt für eine neue Videoarbeit ist ein heute verschwundener, illegaler Kinoraum unter dem Trocadéro, der als Ort alternativer Freiheiten diente.

Auch Benoît Piéron geht von persönlichen Erfahrungen aus. In “Vernis à Ombres” verarbeitet der Künstler Krankenhausaufenthalte und das Leben mit Krankheit zu schwebenden, oft irritierenden Bildwelten. Installationen, Lichtarbeiten und skulpturale Elemente verwandeln vertraute Räume in Szenarien zwischen Traum und Desorientierung. Fragen nach Körpernormen und Geschlecht spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Erfahrung von Zeit, die sich ausdehnt oder stillzustehen scheint.

Die dritte Ausstellung rückt mit Cheryl Marie Wade eine Pionierin der US-amerikanischen Disability Arts in den Fokus. Unter dem Titel “The Queen-Mother of Gnarly” versammelt sie Performances, Texte und Archivmaterial der Künstlerin, deren Arbeiten lange außerhalb des etablierten Kunstbetriebs standen. Entstanden aus der Crip-Bewegung in Kalifornien, verbinden sie politische Selbstermächtigung mit Humor, Direktheit und einer neuen Sicht auf Körper und Öffentlichkeit.

“Pauline Curnier Jardin: Virages Vierges”, Palais de Tokyo, Paris, bis 13. September

“Benoît Piéron: Vernis á Ombres”, Palais de Tokyo, Paris, bis 13. September

“Cheryl Marie Wade: The Queen-Mother of Gnarly”, Palais de Tokyo, Paris, bis 13. September

Courtesy Mathias Völzke

Pauline Curnier Jardin “Virages Vierges”, 2026

Comics in Wien

Lässig auf einen Arm gelehnt, in einer White-Cube-artigen Umgebung, als sei es das heimische Wohnzimmer, so präsentieren sich die Skulpturen des US-amerikanischen Künstlers KAWS. Die hochgezogene Nase lässt die fremde Figur – ein Mischwesen aus Bär, Teddy und Krümelmonster mit glänzender Oberfläche – zugleich hochnäsig und distanziert wirken. Die doppelt durchkreuzten Kugelaugen scheinen uns zu fixieren und kommen doch aus einer entfernten Welt, in der andere Perspektivregeln gelten.

Das Wesen erinnert an die runden Formen und klaren Linien des Comics. Wie aus einer streng geordneten Welt mit Sprechblasen scheint die Skulptur “Time Off” in unsere Realität hinübergehüpft. Doch nicht nur bei KAWS wird das Cartoonhafte ästhetisch untersucht. Auch Jean-Michel Basquiat, Keith Haring oder Ad Reinhardt ließen sich von der formalen Einfachheit des Comics inspirieren. In der Albertina Modern treten die Arbeiten des US-Amerikaners nun in einen Dialog mit moderner und zeitgenössischer Kunst.

“KAWS. Art & Comix”, Albertina Modern, Wien, ab 3. April
 

Courtesy KAWS Studio

KAWS “Space”, 2023

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