„Wir wollen eine nachhaltige Finanzierung“: Mülheimer Stadtteilmütter bangen erneut um Existenz

Rundschau | „Wir wollen eine nachhaltige Finanzierung“Mülheimer Stadtteilmütter bangen erneut um ExistenzVon Rika Kulschewski04.07.2024, 13:06 UhrLesezeit 3 MinutenDie Stadtteilmütter helfen seit 13 Jahren Mülheimer Familien vor allem bei Migrationsfragen. Ihre Finanzierung läuft Ende des Jahres aus.
Auf dem Foto: Fatma Izci (Stadtteilmutter), Nadja Oertel (Prokuristin der CSH und Leiterin des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie), Ismet Aktas, Yasemin Altinok, Mireille Totokolo (Stadtteilmütter), Gisela Emons (Projektleitung), Touran Malaie (Stadtteilmutter)Copyright: Rika KulschewskiDie Stadtteilmütter helfen seit 13 Jahren Mülheimer Familien vor allem bei Migrationsfragen. Ihre Finanzierung läuft Ende des Jahres aus.„Es gibt eigentlich kein Thema, für das die Stadtteilmütter nicht da sind oder nicht potenziell da sein könnten“, sagt Gisela Emons. Sie ist bei der „Christlichen Sozialhilfe Köln“ (CSH) Projektleitung für die Stadtteilmütter Mülheim. Die Stadtteilmütter sind sechs Frauen, die seit 13 Jahren für Familien mit und ohne Migrationshintergrund im Bezirk Mülheim da sind.Sie helfen ihnen vorrangig bei Themen wie Sprachförderung, Gesundheit, Entwicklung und Erziehung der Kinder, Freizeit, Zugang zu Kita und Schule. Sie würden sich aber prinzipiell jedem Problem annehmen, mit dem Familien auf sie zukommen. „Es gibt noch nichts, was wir nicht gelöst haben“, sagt Stadtteilmutter Touran Malaie grinsend.Stadtteilmütter Mülheim: niederschwellige Arbeit mit FamilienBesonders Familien, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind, erläutern sie das deutsche Bildungs- und Sozialsystem. „Wenn du kein Deutsch kannst, dann bringen dir die ganzen Dokumente nichts“, sagt Malaie. Bei der Übersetzung würden sie dann helfen. Sie würden aber beispielsweise auch Informationen weitergeben, die sie aus Erfahrung wissen und mit in die Ämter kommen, um dort als Dolmetscherinnen zu fungieren.Die Frauen haben unterschiedliche kulturelle Hintergründe und sprechen über zehn verschiedene Sprachen. Und selbst wenn sie eine Sprache nicht könnten, würde ein Kommunikationsweg gefunden. „Die Leute vertrauen uns, sie sehen, dass wir Ähnliches durchgemacht haben“, erläutert Stadtteilmutter Yasemin Altinok, „und sie sehen auch, dass uns Deutschkenntnisse weitergebracht haben, wir sind Vorbilder.“Förderung der Stadtteilmütter Mülheim läuft 2024 ausDie Stadtteilmütter lieben ihre Arbeit, erzählen begeistert davon und sind überzeugt, dass sie wichtig ist. Doch alle zwei Jahre wissen sie nicht, wie und ob es weitergehen wird. Zu Anfang 2011 waren sie durch „Mülheim 2020“ stark gefördert. Mittlerweile sind sie wegen ihres Projektstatus nicht länger als zwei Jahre gefördert.„Die Verwaltungsvorlage der Stadt sieht uns nie vor“, sagt Nadja Oertel, Prokuristin der CSH und Leiterin des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie. Die Förderung wurde deshalb bisher immer nachträglich über die Politik gesichert. Die Politik sei überzeugt von dem Projekt. Das bestätigen auch Anfragen dieser Zeitung.Die Stadtteilmütter Mülheim kämpfen für eine langfristige Finanzierung. Dafür wurden die Ergebnisse einer Evalution im Bürgerhaus MüZe vorgestellt.Copyright: Randolf Pfeil / Stadtteilmütter„Die Stadtteilmütter bereichern Mülheim kulturell, sozial und emotional. Sie haben eine hohe Glaubwürdigkeit, sind Ansprechpartnerinnen auf Augenhöhe und finden zu vielen Menschen einen direkten Zugang“, sagt Claudia Brock-Storms, integrationspolitische Sprecherin der SPD-Ratsfraktion.Katja Hoyer, Sozialpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Kölner Rat, begeistere, „dass hier Frauen mit internationaler Herkunftsgeschichte migrantischen Familien bei allen Fragen des Ankommens in Deutschland unterstützen“. Die Stadtteilmütter könnten das besonders gut, „weil sie denselben kulturellen Hintergrund haben und im wahrsten Sinne des Wortes dieselbe Sprache sprechen.“Evaluation betont Wichtigkeit und Wirksamkeit der Arbeit„Unsere Arbeit ist ein Prozess, die Familien brauchen nicht von jetzt auf gleich keine Hilfe mehr“, betont Malaie, „und ein Prozess braucht Zeit“. Zeit, die sie alle zwei Jahre fürchten, nicht mehr zu haben. Die aktuelle Förderung läuft Ende des Jahres aus. „Wir wollen deshalb einfach nur eine nachhaltige Finanzierung, mehr wollen wir gar nicht“, sagt Oertel.Deshalb haben sie eine Evaluation ihrer Arbeit in Auftrag gegeben. Auch Politikerinnen und Politiker hatten diese gefordert. Katrin Sen und Holger Spiekermann analysierten dafür Daten aus dem Dokumentationssystem sowie aus Gruppendiskussionen mit den Stadtteilmüttern und Einzelinterviews mit zehn Klientinnen. Am Mittwoch stellten sie nun die Ergebnisse im Bürgerhaus MüZe vor.Der Evaluation zufolge sei die niedrigschwellige Zugangsmöglichkeit und Pflege von informellen Netzwerken zentral in der Arbeit. „Die kontinuierliche Erreichbarkeit der Stadtteilmütter, auch abends und an Wochenenden, sowie der aufsuchende Ansatz, beispielsweise durch Hausbesuche, sind zentrale Faktoren“, heißt es.Außerdem würden die Stadtteilmütter demnach wertvolle Übersetzungsarbeit, die andere kommunale Einrichtungen zeitlich und finanziell entlastet, leisten. Auch die Vorbildfunktion sowie der Fokus auf den Spracherwerb sind in der Evaluation positiv aufgefallen. Schlussendlich wird eine dauerhafte Finanzierung des Projekts dringend empfohlen sowie die Prüfung einer Erhöhung der Ressourcen.
Hier weiter lesen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert