Wie viel Berlin passt auf 230 Quadratmeter?

Monopol-Magazin

“Ruin und Rausch” zeigt das Berlin der 1910er- und 1920er-Jahre zwischen Exzess und Armut, Emanzipation und Extremismus. Ist die Schau mehr Ausweg aus einem museumsstrategischen Dilemma – oder sehenswerte Berlin-Erzählung?

Das Denken in Gegensätzen hat was. Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Licht und Schatten: So lässt sich die Welt, so lassen sich ihre ach so vielfältigen Erscheinungen leichthin ordnen. Und Gegensätze ziehen sich an, heißt es. Im Falle Berlins zwischen Erstem Weltkrieg und Machtübernahme der Nationalsozialisten liegen die Gegensatzpaare offen zutage, jeder kennt oder erkennt sie, und für Kriminalromane und TV-Serien liefern sie den Grundstoff.

Berlin in jenen Jahren pendelt demzufolge zwischen “Ruin und Rausch”, wie die neue, kleine, aber hochkonzentrierte und gehaltvolle Ausstellung der Neuen Nationalgalerie überschrieben ist, mit dem Untertitel “Berlin 1910–1930”. Also doch ein kleines bisschen mehr als die Jahre der Weimarer Republik, in denen die Stadt ihren Markenkern als “Babylon Berlin” ausbildete – oder eher noch angehängt bekam.

Museumsstrategisch gesehen, geht es um einen Ausweg aus dem Dilemma der Nationalgalerie, über eine vorzügliche Sammlung an Kunst des 20. Jahrhunderts zu verfügen, diese aber mangels Platz im gläsernen Tempel an der Potsdamer Straße beinahe nie als Überblick über das ganze Jahrhundert zeigen zu können. Eine Hälfte fehlt immer, die vor dem Zweiten Weltkrieg oder die danach. Derzeit ist es die frühere Epoche. Die Highlights der Klassischen Moderne sind auf Reisen und machen Berlin-Reklame weltweit. Nur hier, am Ort selbst, recken Touristen vergeblich die Hälse, um Dix und Grosz und Beckmann zu sehen.

Geschichte in Gegensätzen

Beckmann übrigens ist auch jetzt nicht vertreten, denn die Ausstellung mit 35 Werken auf gerade einmal 230 Quadratmetern im linken Seitenkabinett des Untergeschosses will keine Kunstgeschichte sein, sondern eine Berlin-Erzählung in Gemälden, Skulpturen, dazu ein paar Filmausschnitten und sogar gesprochenen Gedichten an Hörstationen. Und für eine Erzählung auf knappem Raum bietet sich das Kontrast-Muster an. Hier das moderne, technikbegeisterte Berlin, da das Elend des Proletariats, hier die neue, urbane, selbstbestimmte Frau, da die Halbwelt der lebensgierigen Tänzerinnen und Revuen.

Drei Kapitel hat die Ausstellung. Auf “Berlin im Taumel” folgt “Schatten der Großstadt” und dann die erwähnte “Urbane Frau”. Das ist nicht so ganz deckungsgleich mit dem Obertitel “Ruin und Rausch”, es ist ja auch schwierig, so unterschiedliche Bilder unter ein griffiges Motto zu zwingen. Den Auftakt machen Ernst Ludwig Kirchners “Potsdamer Platz” von 1914, eines der Signature Pieces der Nationalgalerie, und auf der Rückseite der entsprechenden Stellwand Oskar Nerlingers aseptisch-kühle “Stadtbahn von Berlin” als konstruktivistisches Gestänge. Da geht der Blick aber schon auf einen Drei-Minuten-Schnipsel aus Fritz Langs Jahrhundertfilm “Metropolis” von 1927.
 

© Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Foto: David von Becker

“Ruin und Rausch. Berlin 1910–1930”, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026

Der schmale Gang macht einen 90-Grad-Knick, und da entdeckt man einen weiteren Film, “Berlin – Die Sinfonie der Großstadt” von Walter Ruttmann, aus demselben Jahr wie “Metropolis”. Der Titel sagt alles – auch, wie sich Berlin damals und heutzutage wieder atmosphärisch versteht. Harmonie der Gegensätze, könnte man sagen. Da hängen dann auch Otto Dix’ kartenspielende Kriegskrüppel, die das vom Ersten Weltkrieg der Republik hinterlassene und aufgebürdete Elend grell überzeichnen, und auf der gegenüberliegenden Wand die Elendsschilderungen von Otto Nagel (“Asylisten”) oder Ernest Neuschul (“Kaschemme II”), dazu der molltonige Realismus eines Gustav Wunderwald in “Gartenstraße (Wedding)”.

Ost- und West-Perspektive

Es lohnt, die Titelschildchen neben den Bildern zu lesen – man erkennt, dass hier zugleich die Geschichte zweier Sammlungen, zweier Nationalgalerien von Ost und West beleuchtet wird. Denn die grellen Bilder wurden im Westen favorisiert, die realistisch-naturalistischen im Osten. Eine zusammenhängende Berlin-Erzählung erwächst erst aus beiden Teilen gemeinsam.
 

Neue Nationalgalerie, Eigentum des Landes Berlin, Foto: Andres Kilger

Gustav Wunderwald “Gartenstraße (Wedding)”, 1927

Bleibt das Schlusskapitel “Die urbane Frau”, als dessen Schlüsselbild das “Bildnis der Tänzerin Anita Berber” (1925) von Otto Dix herhalten muss – es kommt aus Stuttgart und ist so die einzige außerberlinische Leihgabe. Mit der exzentrischen, an sich selbst zugrunde gehenden Tänzerin wird das Babylon-Klischee bedient, dazu gibt’s auf kleinem Monitor Szenen mit Tänzen von Josephine Baker, der die Nationalgalerie vor gar nicht langer Zeit eine bemerkenswerte Ausstellung gewidmet hatte. 

Diesmal geht’s nicht um Feinzeichnung, sondern um klare Ansage: Porträtköpfe von Renée Sintenis (“Selbstbildnis”) und Georg Kolbe (“Hanna Kiel”) zeigen die moderne Frau. Und die ahnt im Kreise von Freunden und Freundinnen voraus, dass es mit dem Berlin der Gegensätze bald ein Ende unter der NS-Diktatur haben wird; so jedenfalls wird das eindrucksvolle Hauptwerk von Lotte Laserstein, “Abend über Potsdam” von 1930, gern interpretiert. Vielleicht hatten die jungen Leute auf dem Bild aber auch genug von Berlin und haben sich nach Potsdam verzogen? Wie auch immer, es ist dies ein schöner Abschluss dieses vom Kuratorinnen-Duo Uta Caspary und Irina Hiebert Grun angelegten Schnelldurchgangs durch Berlins republikanische Jahre. Schade nur, dass es zu einem Katalog oder zumindest einer illustrierten Broschüre nicht gereicht hat. Die hier gezeigten Bilder nähme man gerne mit nach Hause.

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