Uniklinik in Köln: Wie ein Mikrobiom-Transfer dem siebenjährigen Paul in Köln helfen konnte

Rundschau | Die Krankenakte von Paul ist lang – dabei ist er erst sieben Jahre alt. Doch auf den ersten Blick fällt seine Erkrankung gar nicht auf. Paul ist zwar klein und schmal, aber sehr neugierig und manchmal ganz schön wild. Wie Erstklässler eben so sind. Was man auf den ersten Blick nicht sieht: Vor anderthalb Jahren bekam Paul eine Lebertransplantation, von deren Folgen er sich immer noch erholt. Vor zwei Wochen bekam er deshalb an der Uniklinik Köln nun eine zweite, noch viel seltenere Transplantation.Zuerst ein Blick zurück: Knapp drei Monate nach Pauls Geburt wurde bei ihm eine genetische Veränderung festgestellt, die dazu führte, dass seine Gallengänge verengt waren. Aus einer Gallenstauung wurde eine dauerhafte Entzündung der Leber. „Vor zwei Jahren haben wir dann erfahren, dass sich daraus eine Krebserkrankung der Leber entwickelt hat“, erzählt Pauls Mutter. Die 43-jährige Kölnerin übernimmt in seiner Krankengeschichte eine wichtige Rolle: Sie spendete ihren linken Leberlappen, damit Paul überlebt.Mikrobiom hat Einfluss auf viele ErkrankungenDoch nach der OP kam es zu Komplikationen, Paul infizierte sich mit Clostridien, einem Bakterium, das auch als „Krankenhauskeim“ bezeichnet wird. Paul bekam Durchfall, Erbrechen und Bauchschmerzen. „Klassischerweise verschwindet die Infektion mit der Gabe von Antibiotika“, sagt Dr. Christoph Hünseler, Leiter der pädiatrischen Gastroenterologie an der Uniklinik. Bei Paul jedoch nicht. Die Hoffnung: ein sogenannter Mikrobiom Transfer.Alles zum Thema Universitätsklinikum KölnDas Ungleichgewicht der Darmbakterien, das mitverantwortlich ist für andere chronisch entzündliche Darmerkrankungen, soll dabei behoben werden. „Das Mikrobiom des Darms hat Einfluss auf viele Erkrankungen, unter anderem auch auf Morbus Crohn“, erklärt Dr. Christoph Hünseler. Bei einem Mikrobiom Transfer wird das Mikrobiom einer gesunden Spenderin oder eines gesunden Spenders den Erkrankten entweder in gefrorener Tablettenform verabreicht oder direkt in den Darm gegeben. Bei Kindern wird der Mikrobiom Transfer, der auch Stuhltransplantation genannt wird, an der Kölner Uniklinik seit etwa fünf Jahren ausschließlich als individueller Heilversuch durchgeführt. In Deutschland bieten dies nur wenige Zentren an. Rund zehn junge Patientinnen und Patienten hat Hünseler in dieser Zeit transplantiert. Mit Erfolg, wie er sagt: 85 bis 90 Prozent konnten mit dem Transfer ihre Darminfektionen besiegen.Strenge Diät vor der SpendePauls Spenderin ist erneut seine Mutter. Die Spenderin für das eigene Kind zu sein, gebe ein Gefühl von Kontrolle, „dass man etwas machen kann“, so die Mutter. Da Paul eine Lebensmittelallergie hat, unter anderem gegen Milch, Eier und Erdnüsse, musste die 43-Jährige vor ihrer Stuhlspende eine strenge Diät einhalten. Schon alleine deshalb kam kein externer Spender infrage. Die Herstellung des Präparates wird im Labor strengstens kontrolliert, auch von Dr. Christoph Hünseler persönlich. „Das ist ein ziemlich aufwendiger Vorgang, der besonderen Standards gerecht werden muss. Die Spenderinnen und Spender müssen vorher ausführlich getestet werden auf alle möglichen infektiösen Erkrankungen“, so der Mediziner. Gerade für einen immunsupprimierten Patienten wie Paul wäre eine Übertragung sonst gefährlich.Zusammenspiel von Darm und HirnMit Blick auf die Zukunft sieht Hünseler viel Potenzial im fäkalen Mikrobiom Transfer. „Es gibt nachweislich die Verbindung zwischen Hirn und Darm, die sogenannte Darm-Hirn-Achse“, so Hünseler. Das Mikrobiom sei an vielen Körperprozessen direkt oder indirekt beteiligt, etwa bei der Aktivierung von Hormonen. Die Darmflora werde auch mit Autismus-Spektrum-Störungen, Parkinson und Depressionen in Verbindung gebracht. In einer belgischen Studie wurden etwa Parkinson-Patienten Darmbakterien von gesunden Menschen transplantiert. Mit Erfolg: Symptome wurden gelindert. Noch konzentriert man sich an der Kölner Uniklinik aber auf die Behandlung der chronischen Darmerkrankungen. In der Erwachsenenmedizin gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Spenderinnen und Spendern – und die Hoffnung, das optimale Mikrobiom zu finden und es auf industrieller Basis zu reproduzieren.Noch stehen die Laborergebnisse aus, aber zwei Wochen nach dem Transfer sieht bei Paul alles nach einem Erfolg aus. Für alle Fälle wurde die Spende seiner Mutter konserviert und tiefgefroren. Für Paul ein weiterer Schritt, wieder ganz gesund zu werden.
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