«Teflon-Mark»: Wer ist der neue Nato-Chef?

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Der Weg für die Ernennung von Mark Rutte zum nächsten Generalsekretär der Nato ist nach monatelanger Blockade frei. Als letzter Bündnisstaat hat am Donnerstag Rumänien angekündigt, seinen Widerstand gegen die Vergabe des Spitzenpostens an den scheidenden niederländischen Regierungschef aufzugeben. Doch wie tickt Mark Rütte überhaupt? Welche Erfahrungen haben ihn geprägt und wie könnte er seine neue Rolle als Nato-Chef ausfüllen?

Immer munter

Das Lachen vergeht dem niederländischen Politiker nicht so schnell. Krisen sind für den 57-jährigen Rechtsliberalen eigentlich nur Herausforderungen, die man meistern muss. Am liebsten geht er sie voll Optimismus an. Lachend, winkend, immer bereit für ein Selfie oder ein Schwätzchen – so kennen ihn die Niederländer, und das passt auch zu dem Land, in dem man gerne nach der Maxime lebt: Tu normal, dann bist du verrückt genug.

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Gesunder und genügsamer Lebensstil

Rutte braucht auch keine Statussymbole: Er wohnt in einer kleinen Wohnung in Den Haag, hatte bis vor kurzem noch nicht einmal ein Smartphone und fährt mit einem alten Auto. Ins Türmchen, dem «torentje», wie sein Büro in Den Haag heißt, fährt er sowieso am liebsten mit dem Fahrrad, die Aktentasche auf dem Gepäckträger, in der Hand einen Apfel.

Knapp 14 Jahre ist Rutte Premier der Niederlande, so lange wie noch keiner vor ihm und auch einer der dienstältesten Regierungschefs der EU. Das hat ihm ein großes internationales Netzwerk eingebracht. Zu verdanken hat er dies auch seinem Charme und Pragmatismus und einem Talent: Rutte kann mit nahezu jedem. Mit links, mit rechts. Das war in der politisch zersplitterten Landschaft der Niederlande sehr brauchbar, und das wird auch in der neuen Funktion nützlich sein.

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«Wer Visionen hat, muss zum Augenarzt»

In wechselnden Koalitionen lotste Rutte mit viel Geschick sein Land durch Krisen. Dabei half natürlich auch, dass er wendbar ist. Er hält nicht viel von Ideologien und großen Visionen. «Wer Visionen hat, muss zum Augenarzt», sagt er gern als Variante eines Zitats, das schon mehreren Politikern zugeschrieben wurde.

Doch das brachte ihm auch Kritik ein. So wurde ihm etwa von Anhängern seiner rechtsliberalen Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD) vorgeworfen, den stramm rechten Kurs seiner Partei verlassen zu haben.

«Manager der Firma Niederlande»

Unbestritten ist aber sein Ruf als Krisenmanager etwa während der Coronakrise. Rutte ist einer, der den Laden zusammenhalten kann. «Er betrachtet sich als Problemlöser, als Manager», sagt seine Biografin, die renommierte Kolumnistin Sheila Sitalsing – als «Manager der Firma Niederlande». Übrigens war der studierte Historiker genau das – Manager beim internationalen Konzern Unilever, bevor er 2002 in die Politik wechselte.

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Der hochgewachsene Niederländer erweckt den Eindruck, dass ihm das politische Geschäft nicht nur interessiert, sondern auch noch großen Spaß macht. Er ist so munter, dass sogar Pannen oder Affären an ihm abgleiten, wie das Spiegelei aus der Pfanne – «Teflon-Mark» wird er daher auch gern genannt.

Bruch mit Geert Wilders

Doch es gab in seiner Politkarriere entscheidende Wendepunkte – der Bruch mit Geert Wilders, der zunächst Ruttes erste Regierung 2010 duldete, doch das Bündnis nur eineinhalb Jahre später platzen ließ. Das ist ein Grund für Ruttes tiefes Misstrauen gegenüber dem Rechtsaußen, der nun nach Ruttes Abschied aus der nationalen Politik erstmals die Wahl gewann.

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Der Abschuss des Passagierfluges MH17 im Sommer 2014 durch eine russische Rakete über der Ostukraine schockte Rutte zutiefst. Die meisten der 298 Opfer waren Niederländer. Seither sieht er den russischen Präsidenten Wladimir Putin als große Gefahr für Europa und ist er einer der stärksten Fürsprecher für Militärhilfen für die Ukraine.

«Der Staat ist keine Glücksmaschine»

Doch es gab auch Affären, die er nicht meisterte und die seinem Ruf schadeten. Die sogenannte Beihilfen-Affäre, bei der Zehntausende Eltern fälschlicherweise des Betrugs mit Kinderbeihilfen beschuldigt und ins bittere Elend gestürzt wurden. Für viele ein Zeichen, dass Rutte kein Auge für die Armen und Schwachen hat.

Unter Ruttes Leitung wurde der soziale Versorgungsstaat radikal umgebaut zur «Partizipations-Gesellschaft». Bei ihm hieß es: «Der Staat ist keine Glücksmaschine», jeder sei für sich selbst verantwortlich. Auch in der EU konnten Staaten, die über ihre Verhältnisse lebten, nicht mit seiner Milde rechnen. Wenn es ums Geld ging, trat Rutte gerne auf die Bremse. «Mr. No» nannten sie ihn in Brüssel.

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Was er auch in seiner neuen Funktion gut gebrauchen kann, ist seine schier grenzenlose Energie. Nie scheint der Mann mit dem Dauerlächeln zu ermüden. Als im vergangenen Jahr seine Koalition platzte, kündigte er seinen Abschied aus der Politik an. Er spielte mit dem Gedanken, Vollzeit an einer Hauptschule zu unterrichten, was er auch die vergangenen Jahre neben seinem Amt als Premier einmal in der Woche getan hatte. Aber dass er damit zufrieden sein könnte, hat ihm eigentlich keiner abgenommen. dpa/kzy

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