Pressefreiheit: Wenn Hass für Journalisten zum Alltag wird

Pressefreiheit: Wenn Hass für Journalisten zum Alltag wird

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Nachrichten wie diese erreichen unsere Redaktion täglich. Zum Tag der Pressefreiheit wollen wir zeigen: Wenn dieser Hass zum Alltag wird, ist die Pressefreiheit in Gefahr.

Wir lassen uns nicht einschüchtern. Stellen Sie sich an unsere Seite. Gemeinsam sind wir stärker als der Hass.

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Freie Presse ist kein Luxus, sondern ein Gradmesser für unsere Demokratie

In unserer Demokratie ist die Pressefreiheit im Grundgesetz fest verankert. Während Journalistinnen und Journalisten in vielen Ländern Repressionen ausgesetzt sind, Gefängnis- und Todesstrafen fürchten müssen, garantiert der Staat hierzulande das Recht auf freie Presse. Und doch müssen wir uns als Gesellschaft jeden Tag wieder bewusst machen, dass freie Berichterstattung nicht selbstverständlich ist. Auch in Deutschland ist die Pressefreiheit in Gefahr. Denn Journalistinnen und Journalisten sind zunehmend gefährdet.

Zum internationalen Tag der Pressefreiheit geben wir einen Einblick in unseren Arbeitsalltag.
Dazu gehört nicht nur Vandalismus an unseren Büros oder Pöbeleien von ungebetenen Gästen. Sondern auch psychischer Druck, Beleidigungen und Drohungen in Hassmails an uns, die mit Bildern von Erhängten versehen sind.

Rund um Weihnachten 2020 veröffentlichte einer unserer Jugendreporter eine Podcastreihe zum Coronavirus. Wenige Wochen später war das komplette Umfeld unserer Redaktion voller Plakate und Sticker von Coronaleugnern.

Seit der Eröffnung unserer Jugendredaktion Salon5 werden auch wir immer wieder zum Ziel von Anfeindungen und Vandalismus. Dabei spielt es für die Menschen häufig keine Rolle, ob Jugendliche dabei sind oder nicht.

Wir geben nicht auf, für Jugendliche ein Sprachrohr zu sein und ihnen die Möglichkeit zugeben, ihre Stimme zu erheben. Doch manchmal schließen wir die Tür ab. Damit wir ungestört unsere Arbeit machen können.

– Erfahrungsbericht Jugendredaktion Salon5

Vor zwei Wochen veröffentlichte Reporter ohne Grenzen die neue Rangliste der Pressefreiheit. Deutschland ist in der Liste abgerutscht. Statt „gut“ ist der Zustand der Pressefreiheit nur noch „zufriedenstellend“. Im Vergleich zu 2019 hat sich die Zahl der Anfeindungen, Drohungen und Gewalt gegen Medienschaffende verfünffacht. Eine Nachricht, die für viele Menschen wohl nur kurz im Newsticker flimmert, die wir wie viele Journalistinnen und Journalisten direkt spüren. Bedrohungen gegen uns sind zum Normalzustand geworden.

…Eure Adresse in Essen ist wohlbekannt! Wir bieten Euch hiermit an irgendwann zu Euch zu kommen und Eure Dummköpfe und Drecksfinger so lange mit der vor Euch vorhandene Tischplatte in Kontakt zu bringen…

Natürlich ist unsere Adresse bekannt. Sie steht auf unserer Webseite. Aber genau solche Nachrichten sind es, die uns bei der Arbeit einschüchtern und einschränken sollen. Viele greifen uns an, weil sie Journalistinnen und Journalisten als Feinde ihres anti-demokratisches oder verschwörungsideologischen Weltbildes sehen. Das traurige Mittel, um ihre Meinung durchzusetzen, sind Einschüchterungsversuche.

In einer Studie der Informationsplattform Mediendienst Integration aus dem vergangenen Jahr geben rund 63 Prozent der befragten Medienschaffenden an, eine psychische Belastung durch Angriffe zu erfahren. Im schlimmsten Fall führt das dazu, dass nicht mehr frei berichtet wird. Hass wirkt – wenn wir ihn lassen.

Wer transparent ist, wird angegriffen

Unsere Türen sind offen für neugierige Gäste. Wir machen unsere Arbeit transparent, um Menschen auch zu zeigen, wie Journalismus heute funktioniert. Wir stehen für den Schutz der Pressefreiheit ein, für demokratische Debatten, für Transparenz und Fakten als Basis unseres Miteinanders. Das passt vielen nicht.

Vor allem unsere Faktencheck-Redaktion erlebt Attacken und Beleidigungen. Weniger bekannt ist, dass besonders viele Hassmails an Journalistinnen und Reporterinnen adressiert sind und eine ganz andere Qualität haben.

Normalerweise öffne ich E-Mails mit der Betreffzeile „wuahahahahahahahaha“ nicht. Anfang Februar war das anders. „Glauben Sie dummes hetzendes Stück Schweinescheiße […] Blöde Dummfotze … Küsschen“, schrieb da ein Mensch. Er verteidigte eine rechte Youtuberin, deren Thesen ich in einem Faktencheck entkräftet hatte.

Ich zuckte mit den Schultern und schob die E-Mail ich in den Ordner „Leserbriefe“. Danach vergaß ich sie – für Wochen. Erst als wir in der Redaktion über Hass-Nachrichten sprachen, fiel sie mir wieder in die Hände. Da wurde mir klar: Nach zehn Jahren im Journalismus habe ich mich so sehr an diesen Ton gewöhnt, dass ich ihn für normal empfand.

Doch müssen wir das wirklich hinnehmen? Ich will jedenfalls nicht, dass meine Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der ein so menschenfeindlicher Ton herrscht. Eigentlich hätte ich antworten sollen: „Wir werden Anzeige erstatten. Küsschen.

– Erfahrungsbericht aus der Faktencheck-Redaktion

Von Beleidigungen zu Morddrohungen

Beschimpfungen erreichen uns beinahe jeden Tag: wir führen eine Liste, in der wir die Nachrichten sammeln. Es beginnt mit „einfachen“ Einschüchterungsversuchen und steigert sich zu massiven Drohungen mit Vergewaltigung und Mord. In unseren Posteingängen finden sich Nachrichten wie:



  • Einfach nur zum KOTZEN, dass sich ein Haufen wie Sie es sind überhaupt zu irgend etwas äußern darf. (Mail 26.02.21)


  • Screen-Shots von euren Visagen auf der Homepage sind gemacht und wenn dieses ganze verbrecherische System kippt, dann werden wir euch an eure Gesichtern erkennen. Auch ihr werden dann nicht mehr die Strasse hinunter gehen können, ohne erkannt und verachtet zu werden. (Mail 23.02.21)


  • Diese Leute sind alle links faschistische Juden die ins Lager gehören mit ihren Familien. (Mail 27.09.2020)

Nach einem Jahr Corona-Faktenchecks wird der Ton immer aggressiver, die Feindseligkeit gedeiht in der Krise jeden Tag mehr. In Deutschland gibt es rechtliche Mittel, um sich vor solchem Unrecht zu schützen. Diverse Hassnachrichten haben wir zur Anzeige gebracht und werden es auch weiterhin tun. Der Rechtsweg gegen solche Nachrichten und ihre Urheber kostet Kraft, Zeit und Geld. Wir gehen ihn trotzdem. Denn in unserer Demokratie dürfen wir Hass und Hetze nicht als legitimes Mittel für unseren Diskurs gelten lassen.

Dass wir als „System-Bücklinge“, „geistige Brandstifter“ oder „Lumpen“ bezeichnet werden, ist schon beinahe normal. Aber dass uns Menschen zum Selbstmord auffordern oder sich wünschen, dass wir sterben, ist neu. „Wir kennen eure Namen und wissen, wo ihr arbeitet. Und irgendwann früh um 0400 geht die Tür auch ohne Schlüssel auf.“ Dieser Nachricht wurde ein Bild von Erhängten beigefügt.

Nachdem ich in einem Faktencheck einen rechten Youtuber als Urheber eines anti-muslimischen Plakates benenne, wird unsere Berliner Redaktion mit den gleichen Plakaten beklebt. Die Stadt weist mein Gesuch nach einer Auskunftssperre im Melderegister zurück, die Gefahr eines Angriffs sei nicht konkret genug. Beleidigungen im Internet gehörten zum normalen Berufsrisiko von Journalistinnen und Journalisten.

– Erfahrungsbericht aus der Faktencheck-Redaktion

Was uns stets hilft weiterzumachen, ist der immer wiederkehrende Zuspruch und die Solidarität von außen. Nicht nur Gesetze schützen Journalistinnen und Journalisten, sondern auch alle, die uns und guten Journalismus unterstützen. Sie sind unsere Rückendeckung. Unsere Berichterstattung ist frei für jede und jeden zugänglich. Trotzdem unterstützen viele Menschen unsere Arbeit jeden Monat mit ihrer Spende. Sie zeigen sich solidarisch und stellen sich hinter uns und die Werte, für die wir einstehen.

Gemeinsam stärker als der Hass

Es ist für uns am Tag der Pressefreiheit besonders wichtig zu zeigen: Ein Angriff auf freie Berichterstattung in Deutschland bedeutet nicht nur, die Hand vor die Kameralinse zu halten. Er beginnt schon da, wo Journalistinnen und Journalisten beleidigt und diffamiert werden. Ob auf der Straße oder in E-Mails. Journalistinnen und Journalisten sind Grundrechtsträger. Sie sind der Schutz für unsere Demokratie.

Der Hass ist Alltag. Aber erhält uns nicht auf. Er zeigt uns, wofür wir einstehen müssen. Freie Berichterstattung ist unersetzlich. Damit jeder Mensch sich eine eigene Meinung bilden kann. Ein Angriff auf die Pressefreiheit ist ebenso ein Angriff auf die offene Gesellschaft, in der wir leben wollen.

Gemeinsam sind wir stärker als der Hass.

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Die extremen Gesinnungen, der Menschenhass und die Fremdenfeindlichkeit der Menschen, die Medienschaffende bedrohen, sind uns zuwider. Um einen ehrlichen Eindruck zu vermitteln und eine Debatte anzustoßen, haben wir uns dennoch entschieden die Hassnachrichten in dieser expliziten Form zu veröffentlichen. Besonders heftige Formulierungen haben wir ausgespart.

Sie oder jemand in Ihrem Umfeld ist von Hass im Netz bedroht? Die Organisation Neue Deutsche Medienmacher hat gemeinsam mit weiteren Organisationen einen Leitfaden für Journalistinnen und Journalisten in akuten Bedrohungslagen entwickelt. Betroffene digitaler Gewalt können sich zudem an die Beratungsstelle Hateaid wenden.

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