Nein, ein Physikprofessor hat den Klimawandel nicht als „Schwindel“ entlarvt

Nein, ein Physikprofessor hat den Klimawandel nicht als „Schwindel“ entlarvt

Dieser Artikel stammt von CORRECTIV.Faktencheck / Zur Quelle wechseln

Ein Artikel der Webseite Freie Welt, der den menschengemachten Klimawandel infrage stellt und bereits im Jahr 2019 geteilt wurde, verbreitet sich aktuell erneut auf Facebook (hier und hier). In dem Artikel, der zum größten Teil eine Kopie eines im Dezember 2018 erschienen Textes der Webseite Legitim ist, wird behauptet, CO2 sei für den Klimawandel unbedeutend, das Landeis am Südpol sei zwischen 1992 und 2008 gewachsen, die Eisbärpopulation am Nordpol verzeichne „Rekordzahlen“ und ein Forscher habe sich wegen eines gefälschten Klimadiagramms vor Gericht verantworten müssen. 

Unser Faktencheck zeigt: Die Behauptungen sind falsch und werden ohne Belege verbreitet. Der menschengemachte Klimawandel und die Bedeutung von Treibhausgasen wie CO2 ist wissenschaftlich belegt, der Wissenschaftler Michael E. Mann wurde nicht wegen eines gefälschten Diagrams vor Gericht verurteilt und das Landeis am Südpol schrumpf laut Daten der Nasa seit dem Jahr 2002. 

Physikprofessor sprach nicht vor dem Bundestag, sondern in einem Ausschuss

Bereits die Überschrift des Artikels auf Freie Welt ist falsch. Dort heißt es, der Physikprofessor Nir J. Shaviv von der Hebräischen Universität in Jerusalem habe vor dem Deutschen Bundestag gesprochen. Richtig ist, dass Shaviv als Sachverständiger im November 2018 an einem „öffentlichen Fachgespräch des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit“ teilnahm, wie auf der Seite des Bundestages zu lesen ist. Bei einem Ausschuss handelt es sich um eine Arbeitsgruppe, an der nur ein kleiner Teil der Bundestagsabgeordneten teilnimmt. 

Der Einfluss von Treibhausgasen auf den Klimawandel ist wissenschaftlich belegt

In dem Artikel auf der Webseite Freie Medien wird unter anderem behauptet, es sei „unwissenschaftlich“ von einem menschengemachten Klimawandel zu sprechen, weil sich in der Atmosphäre der Erde nur wenig CO2 befinde. Diese Behauptung ist falsch, sie lässt wichtige Informationen über Treibhausgase wie CO2 außer Acht und beruht zudem auf falschen Daten. 

Im Text wird behauptet, die Atmosphäre setze sich aus „78 % Stickstoff, 21% Sauerstoff, ca. 1 % Edelgase (Argon, Xenon, Neon, Krypton…) und 0,038 % CO2“ zusammen. Die Angabe zum CO2-Anteil ist falsch, wie wir schon 2019 gezeigt haben. Er lag bereits 2019 bei 405 Teilen pro Million, also 0,0404 Prozent. Seitdem ist er weiter angestiegen und liegt aktuell bei 416 Teilen pro Million, wie Daten der Nasa zeigen.  

Auch die Berechnung in dem Beitrag, die den Anteil des Menschen an dieser Entwicklung darstellen soll, ist fehlerhaft. In dem Beitrag heißt es „Wir haben also 0,038 % CO2 in der Luft. Davon produziert die Natur selbst etwa 96 %. Den Rest, also 4 %, der Mensch. Das sind also 0,00152 % der Luft.“ Die Rechnung ist aus zwei Gründen falsch:

Erstens wird der Beitrag des Menschen zum CO2-Vorkommen ins Verhältnis zur gesamten Luft (100 Prozent) gesetzt – nicht ins Verhältnis zu den 0,038 Prozent CO2, die sich in der Luft befinden. Der Mensch beeinflusst mit seinen CO2-Emissionen 0,00152 Prozent der Luft, nicht 0,00152 Prozent des in der Luft befindlichen CO2. Der menschliche Anteil an den CO2-Emissionen würde nach dieser Rechnung vier Prozent betragen.

Zweitens ist es unsinnig anzunehmen, dass nur weil der CO2-Teil in der Luft sehr klein ist, ein starker Anstieg keine Auswirkungen haben könne: Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat in einer Faktensammlung zum Klimawandel erklärt, weshalb der geringe Anteil CO2 große Auswirkungen auf das Klima hat.   

Treibhausgase speichern Wärme und tragen so zum Klimawandel bei

Träfen Sonnenstrahlen auf die Oberfläche der Erde, werde ein Drittel der Strahlen reflektiert, zwei Drittel würden von der Erde „aufgenommen“ und als Wärme wieder abgestrahlt, erklären die Wissenschaftler der Leopoldina in ihrer Veröffentlichung. Dass die abgestrahlte Wärme nicht einfach ins Weltall abgegeben wird, liegt daran, dass die Erde eine Atmosphäre hat, also eine gasförmige Hülle.  

Grafische Darstellung der Leopoldina zur Bedeutung der Sonne für den Treibhauseffekt
Erreichen Sonnenstrahlen die Erde, werden sie zum Teil reflektiert und zum Teil absorbiert und als Wärme wieder abgestrahlt. Treibhausgase speichern die reflektierte Wärme. (Quelle: Leopoldina)

Wasserdampf, Kohlenstoffdioxid und Methan in der Atmosphäre sorgen dafür, dass von der reflektierten Strahlung der Sonne nicht alles verloren geht. Das nennt man den natürlichen Treibhauseffekt. „Ohne diesen natürlichen Treibhauseffekt“, schreiben die Forschenden der Leopoldina, „läge die globale Durchschnittstemperatur nicht bei rund 14 Grad Celsius, sondern bei −18 Grad Celsius“. 

Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid (CO2) oder Methan sind für diesen Effekt relevant. Sie sind „infrarotaktive“ Gase, wie der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages in einem Gutachten schreibt, das heißt, sie können Wärme speichern. Das, so der Wissenschaftliche Dienst weiter, sei nur bei etwas 0,1 Prozent aller Gase in der Atmosphäre der Fall. 

Seit Jahren steigt die Konzentration von Treibhausgasen wie Methan oder CO2 in der Atmosphäre. Vor allem der CO2-Gehalt in der Atmosphäre sei so hoch, wie noch nie in den letzten 800.000 Jahren, heißt es in dem Papier der Leopoldina. Zu diesem Ergebnis kam auch der Weltklimarat in seinem Bericht aus dem Jahr 2014.

Seit Jahren steigt der CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Forschende führen das auf den CO2-Ausstoß durch Menschen zurück.
Seit Jahren steigt der CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Forschende führen das auf den CO2-Ausstoß durch Menschen zurück. (Quelle: Leopoldina)

Durch diese Veränderung der Zusammensetzung der Atmosphäre komme es zu einem Energieüberschuss und somit zur globalen Erwärmung. 

Klimaforscher wurde nicht wegen Betrugs verurteilt

Weiter heißt es auf der Seite von Freie Medien, der „Klimaschwindel“ werde mit einem „gefälschten Diagramm“, dem sogenannten Hockeystick-Diagramm des Forschers Michael E. Mann, „vermarktet“. Dieses lasse die „mittelalterliche Wärmezeit“ aus und verzerre so die Darstellung des gloabeln Klimawandels. Michael E. Mann habe sich wegen Wissenschaftsbetrugs vor Gericht verantworten müssen. Er habe sich jedoch geweigert seine Forschungsdaten offenzulegen, sie seien sein geistiges Eigentum. Auch diese Behauptungen sind falsch.

Bereits im September 2019 hat CORRECTIV.Faktencheck in einem Artikel die Behauptungen über Michael E. Mann richtiggestellt. Korrekt ist, dass Mann der Urheber der sogenannten „Hockeyschläger-Kurve“ ist. Die wissenschaftliche Arbeit dahinter veröffentlichte er erstmals 1998. Darin stellte er die Entwicklung der Erdtemperatur dar. Die Kurve zeigt am rechten Ende steil nach oben, weshalb sie ein bisschen aussieht wie ein Hockeyschläger. Die treibende Kraft des Wandels seien im 20. Jahrhundert die Treibhausgase gewesen, schreiben Mann und seine Co-Autoren.  

Wie die Seite klimafakten.de, eine Initiative der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation, schreibt, gab es nach der Veröffentlichung eine wissenschaftliche Kontroverse um die Arbeit. Eine zwölfköpfiges Expertenkomitee, das auf Bitten des Wissenschaftsausschusses des US-Repräsentantenhauses einberufen worden sei, sei 2006 zu dem Ergebnis gekommen, dass der Hauptbefund der Studie plausibel sei: Die Nordhalbkugel habe sich während der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts stärker erwärmt, als während aller vergleichbaren Zeitabschnitte des vorherigen Jahrtausends. 

Ein Gerichtsverfahren gegen Mann bezüglich der Studie hat es nie gegeben. Mann selbst verklagte aber den Wissenschaftler Timothy Ball – ein pensionierter Professor für Geographie von der University of Winnipeg – der den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel bestreitet. In der Klage ging es um verbale Angriffe von Ball gegen Mann aus dem Jahr 2011. Ball sagte, Mann gehöre in Gefängnis. Das Verfahren wurde jedoch wegen Verzögerung eingestellt, zu einem Urteil kam es nie.

Daten der Nasa zeigen: Eis am Südpol schrumpft seit 2002

Eine weitere Behauptung, die in dem Artikel aufgestellt wird, lautet, dass der Eisschild am Südpol „zwischen 1992 und 2008 um 135 Milliarden Tonnen pro Jahr“ gewachsen sei. Außerdem wird behauptet, die „arktische Polarbärenpopulation“ sei auf eine Rekordzahl angewachsen. Beide Behauptungen sind falsch und werden ohne Belege verbreitet. 

Für die Behauptung über das Eiswachstum in der Arktis wird in dem Artikel keine Quelle genannt. Woher die Daten stammen sollen, konnten wir nicht herausfinden. Daten der Nasa zeigen, dass die Landeismassen sowohl am Süd- als auch am Nordpol seit dem Jahr 2002 zurückgehen (Daten bis April 2021). Auf der Webseite des Deutschen Klima-Konsortiums heißt es mit Verweis auf den Sonderbericht des Weltklimarates, dass Teile des Eispanzers am Südpol starke Verluste zu verzeichnen hätten. Dort gingen „seit 2006 etwa 150 Milliarden Tonnen Eismasse pro Jahr verloren“. 

Auch für die Behauptung, die Anzahl der Eisbären sei auf einem Rekordhoch, gibt der Artikel keine Quellen an. Eisbären stehen auf der roten Liste der bedrohten Arten und gelten als „gefährdet“. Das bedeutet, dass sie laut der Einschätzung der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) mit einem hohen Risiko vom Aussterben in der freien Natur bedroht sind. Der Organisation zufolge gibt es aktuell nicht nur eine Art von Eisbären, sondern 19 verschiedene Unterarten. Insgesamt sei deren Populationsentwicklung unbekannt. 

Bei ihren Aussagen beruft sich die IUCN auf Erkenntnisse der Polar Bear Specialist Group. Die Gruppe veröffentlicht regelmäßig Zahlen zu den Beständen der Eisbärpopulationen. Aktuell liegen Zahlen aus dem Jahr 2019 vor, aus denen hervorgeht, dass sich von den 19 Eisbärunterarten lediglich zwei vermehrt haben. Bei vier der 19 Arten ist die Zahl der Tiere gesunken, für acht Arten liegen keine verlässlichen Daten vor und bei fünf Arten ist die Population wahrscheinlich stabil geblieben. 

Fazit 

Alle aufgestellten Behauptung sind falsch. 

Der Physikprofessor Nir J. Shaviv sprach nicht vor dem Bundestag, sondern vor einem Fachausschuss, an dem nur wenige Bundestagsabgeordnete teilnahmen. Anders als im Text behauptet, ist die Bedeutung von Treibhausgasen wie Kohlenstoffdioxid oder Methan für den Klimawandel wissenschaftlicher Konsens. Weil solche Gase Wärme speichern und sich ihre Konzentration in der Atmosphäre erhöht, beeinflussen sie die globale Durchschnittstemperatur.

Auch die Behauptung, der Wissenschaftler Michael E. Mann habe sich wegen gefälschter Forschung vor Gericht verantworten müssen, ist falsch und wurde von uns bereits im Jahr 2019 widerlegt. Mann hatte den den Wissenschaftler Timothy Ball wegen verbaler Angriffe verklagt, zu einer Verhandlung kam es nie.

Dafür, dass das Eis in der Arktis zwischen 1992 und 2008 gewachsen sein soll, fanden wir keine Belege. Daten der Nasa und des Weltklimarates zeigen, dass das Eis seit 2002 beziehungsweise 2006 schrumpft. Die Behauptung über das Wachstum der Eisbärpopulation am Nordpol ist undifferenziert. „Die Eisbären“ gibt es nicht, sondern 19 Unterarten, deren Populationen sich nicht einheitlich entwickeln. 

Redigatur: Steffen Kutzner, Till Eckert

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Faktensammlung der Leopoldina, Nationale Akademie der Wissenschaft, „Klimawandel: Ursachen, Folgen und Handlungsmöglichkeiten“: Link (PDF)

 

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