Nein, Christian Drosten hat nicht gesagt, dass Händewaschen bei Coronaviren „völlig“ ausreicht

Nein, Christian Drosten hat nicht gesagt, dass Händewaschen bei Coronaviren „völlig“ ausreicht

Dieser Artikel stammt von CORRECTIV.Faktencheck / Zur Quelle wechseln

Auf Telegram und Facebook verbreitet sich ein angebliches Zitat des deutschen Virologen Christian Drosten: „Händewaschen reicht bei Coronaviren völlig aus“. Das soll er in einem Interview 2014 gesagt haben, heißt es. Das geteilte Bild, auf dem das Zitat zu sehen ist, stammt vom Deutschland-Kurier. Es wurde in verschiedenen TelegramKanälen mehr als 238.000 Mal gesehen und mehrfach auf Facebook geteilt.

Ein Blick in das verlinkte Interview der Wirtschaftswoche von Mai 2014 zeigt: Drostens Aussage wird in den Sozialen Netzwerken falsch wiedergegeben beziehungsweise zugespitzt. Der Virologe sagte zwar, Händewaschen sei „die effektivste Maßnahme“, äußerte diese jedoch im Gespräch über das MERS-CoV Coronavirus und sagte nicht, Händewaschen reiche im Kampf gegen Coronaviren „völlig aus“.  

Was hat Christian Drosten wirklich gesagt?

Die WHO warnte 2013, dass sich das Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus (MERS-CoV) weltweit ausbreiten könne. Das Interview mit Drosten erschien knapp ein Jahr später.

Das Zitat, Händewaschen reiche bei Coronaviren völlig aus, das in Sozialen Netzwerken geteilt wird, kommt in dem Artikel nicht vor. 

Auf die Frage „Was können besorgte Reisende tun, um auf Nummer Sicher zu gehen?“, antwortete Drosten damals: „Ich empfehle, sich die Hände sehr häufig zu waschen. Das ist die effektivste Maßnahme. Denn wie die meisten Erkältungsviren werden auch Coronaviren durch den direkten Kontakt übertragen, zum Beispiel beim Händeschütteln.“

Was ist der Unterschied zwischen MERS-CoV und SARS-CoV-2?

Über den Unterschied zwischen MERS-CoV und SARS-CoV-2 haben wir bereits hier berichtet. Es gibt viele verschiedene Arten von Coronaviren, von denen einige auch Menschen befallen können. Vier eher harmlose Arten von Coronaviren lösen Erkältungserkrankungen aus und sind dauerhaft verbreitet. Es gab in der Vergangenheit jedoch zwei Coronaviren-Arten, die gefährlicher wurden. Das erste war das SARS-Virus, das 2003 entdeckt wurde. Das zweite war das MERS-Virus, das 2012 erstmals in Saudi-Arabien identifiziert wurde. Darüber haben wir bereits in mehreren Faktenchecks berichtet. 

Die WHO stuft MERS als „Priority Disease“ ein – als eine Krankheit, deren Erforschung und Entwicklung von Medikamenten höchste Priorität eingeräumt werden muss. Es breitete sich aber nicht so stark aus wie das aktuelle Coronavirus SARS-CoV-2. Insgesamt gab es laut Robert-Koch-Institut (RKI) bis Ende 2019 in 27 Ländern mehr als 800 Todesfälle durch MERS. Zudem gebe es bezüglich MERS „keine Hinweise auf eine anhaltende, unkontrollierte Mensch-zu-Mensch-Übertragung“.

Bei der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie liegen die Dinge anders. Das Risiko einer Übertragung von Mensch zu Mensch ist bei diesem Virus wesentlich größer. Drosten sagte schon früh, das Virus ähnele SARS und es bestehe das Risiko einer Pandemie (zum Beispiel am 13. Februar im Deutschlandfunk oder Ende Februar bei einer Veranstaltung in Berlin). Das Ärzteblatt zitierte Drosten am 21. Februar mit den Worten, man sehe hier eine „Pandemie in den Kinderschuhen“.

Händewaschen reicht bei SARS-CoV-2 nicht aus

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie SARS-CoV-2 von einer Person auf eine andere übertragen werden kann. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) ist der Hauptübertragungsweg „die respiratorische Aufnahme virushaltiger Flüssigkeitspartikel, die beim Atmen, Husten, Sprechen und Niesen entstehen“, also die Übertragung über Aerosole. Aerosole sind winzige Partikel, die in der Luft schweben und eingeatmet werden können. Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gibt es bislang keinen Nachweis, dass sich SARS-CoV-2 über Oberflächen auf den Menschen übertragen kann. Schmierinfektionen über Oberflächen können aber nicht ausgeschlossen werden. 

Als Präventionsmaßnahme hat das Bundesgesundheitsministerium darum die AHA-Formel eingeführt: Abstand halten, Hygieneregeln einhalten und (Alltags-)Masken tragen. Händewaschen allein reicht als Infektionsschutz nicht aus, wie Drosten selbst bereits im Mai 2020 betonte.

Immer wieder wird behauptet, der Virologe profitiere von der Corona-Pandemie

In dem Text zu dem geteilten Bild des Deutschland-Kurier wird außerdem behauptet, Drosten habe damals „eine ganz andere Sicht auf Corona-Viren“ gehabt, da er „noch nicht an dem von ihm mitentwickelten PCR-Test verdiente“. 

Ein PCR-Test dient dem Nachweis einer SARS-CoV-2-Infektion (CORRECTIV.Faktencheck berichtete). Das Institut für Virologie an der Berliner Charité, das Drosten leitet, beschäftigt sich mit neu auftauchenden Viren und entwickelte auch den PCR-Test für SARS-CoV-2. Der PCR-Test wird aber in vielen unterschiedlichen Laboren durchgeführt. 

Drosten selbst widersprach den Vorwürfen, er verdiene am PCR-Test: „Wir verdienen keinen Cent. Im Gegenteil, wir zahlen sehr viel drauf“, sagte er im März 2020 in einem NDR-Podcast

Sein Name stehe zwar in Einzelfällen auf Privatrechnungen, weil er Chefarzt sei, doch das Geld gehe „an das Labor, und mein Gehalt hat damit gar nichts zu tun“. Zudem sagte Drosten: „Und es gibt einen kleinen Gehaltsanteil, ich kann das hier wirklich so sagen, ich bin da vollkommen offen, der hängt an den Privateinnahmen, aber den gebe ich jetzt wieder vollständig, aber wirklich bis zum letzten Cent, an die Mitarbeiter im Labor weiter. Sodass ich also wirklich sagen kann, egal, wer mir hier irgendwas vorwerfen will, das ist alles vollkommen falsch. Das lege ich auch gerne alles offen. Das kann jeder überprüfen, der es will.“

Auch die DPA berichtete in einem Faktencheck über das falsche Drosten-Zitat.

Redigatur: Uschi Jonas, Tania Röttger

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Das Interview in der Wirtschaftswoche mit Drosten von 2014: Link
  • Hinweise des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Übertragung von SARS-CoV-2: Link
  • AHA-Formel des Bundesgesundheitsministeriums: Link
  • NDR-Podcast mit Christian Drosten vom 18. März 2020: Link

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