Mitgliederschwund: Katholiken droht «Implosion zur Minderheitenkirche»

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Im vergangenen Jahr sind weniger Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten. 2022 hatte die Zahl der Austritte bei mehr als einer halben Million gelegen – ein dramatischer Negativrekord. 2023 waren es dagegen 402.694, wie die Deutsche Bischofskonferenz am Donnerstag in Bonn mitteilte. Insgesamt gehören jetzt noch 20,3 Millionen Menschen in Deutschland der katholischen Kirche an. Die 20-Millionen-Marke könnte im laufenden Jahr 2024 erstmals unterschritten werden.

«Die Zahlen sind ein Indikator der Wirklichkeit», sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Bischof von Limburg, Georg Bätzing. Die Kirche müsse sich ehrlich machen und Entwicklungen wahrnehmen. «Die Zahlen sind alarmierend. Sie zeigen, dass die Kirche in einer umfassenden Krise steckt.» Resignation, Angst oder Rückzug seien jedoch die falschen Antworten. «Als Kirche haben wir den Auftrag, die frohe Botschaft vom liebenden, schöpferischen und befreienden Gott zu verkünden, sie zu leben und weiterzugeben.» Im Übrigen seien Reformen unumgänglich. Dabei gelte: «Reformen allein werden die Kirchenkrise nicht beheben, aber die Krise wird sich ohne Reformen verschärfen. Und deswegen sind Veränderungen notwendig.»

Aus der evangelischen Kirche traten 2023 etwa 380.000 Mitglieder aus, wie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bereits im vergangenen Monat mitgeteilt hatte. Das waren ähnlich viele wie im Jahr davor. Noch 18,5 Millionen Menschen gehören einer der 20 Landeskirchen an.

Verlust in der Größe einer Stadt wie Bochum

Der Theologe Daniel Bogner sagte der Deutschen Presse-Agentur, auch wenn die Austrittszahlen zurückgegangen seien, sollte man darin keine Entwarnung sehen. «Der Rückgang findet auf extrem hohem Niveau statt. Man muss sich das bildhaft vorstellen: Während im Jahr zuvor Menschen in der Größe einer Stadt wie Nürnberg aus der Katholischen Kirche ausgetreten sind, waren es im vergangenen Jahr mehr als alle Einwohner einer Stadt wie Bochum. So etwas ist dramatisch, man kann es sich nicht schönreden.»

Es sei «seit Jahren das gleiche Bild», sagte der Freiburger Erzbischof Stephan Burger: Immer wenn einmal im Jahr die aktuelle Kirchenstatistik präsentiert wird, sind es wieder ein paar Hunderttausend Mitglieder weniger geworden. Die Zahl schwankt innerhalb einer gewissen Bandbreite, aber der Erosionsprozess ist immer ungebrochen und auch weitgehend unabhängig von aktuellen Ereignissen. Denn die Entkirchlichung ist nach Erkenntnissen von Wissenschaftlern kein vorübergehender Trend, sondern eine langfristige Entwicklung mit gesellschaftlichen Ursachen, die die Kirche nicht beeinflussen kann.

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Früher war eine Mitgliedschaft in der Kirche in vielen Regionen Deutschlands Pflicht, wenn man nicht schief angeschaut werden wollte. Ein Austritt konnte viele konkrete Nachteile mit sich bringen. Das ist heute überhaupt nicht mehr so – im Gegenteil, wenn man in der Kirche bleibt, muss man Kirchensteuer zahlen und gerät manchmal sogar unter Rechtfertigungsdruck, etwa mit Blick auf den Missbrauchsskandal.

Ihre frühere Deutungshoheit über Himmel und Erde, Leben und Sterben hat die Kirche schon lange verloren. Sie konkurriert mit vielen anderen Weltanschauungen und Lebensentwürfen. Vor diesem Hintergrund sagen manche Forscher sogar, dass es verwunderlich ist, dass immer noch so viele Leute in der Kirche sind. Ein Grund dafür ist nach Einschätzung des Religionssoziologen Detlef Pollack, dass christliche Werte wie Nächstenliebe von breiten Bevölkerungsschichten geteilt werden.

«Die Mehrheit der Bevölkerung ist kaum noch religiös ansprechbar»

Für den Kirchenrechtler Thomas Schüller steht dennoch fest: «Die Implosion der katholischen Kirche zu einer Minderheitenkirche ist unumkehrbar.» Das belegen auch Studien. Eine Untersuchung der Universität Freiburg prognostizierte 2019, dass die Zahl der Kirchenmitglieder – katholisch und evangelisch – bis zum Jahr 2060 um die Hälfte auf knapp 23 Millionen sinken werde. Eine Kirchenmitgliedschafts-Untersuchung der EKD ergab 2023, dass sich inzwischen 56 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung als uneingeschränkt nicht religiös bezeichnen. Bischof Bätzing folgert daraus: «Die Mehrheit der Bevölkerung ist kaum noch religiös ansprechbar.»

Angesichts dieser Zahlen haben sich die Kirchen innerlich längst darauf eingestellt, dass die Zeit der Volkskirchen in Deutschland bald für immer vorbei sein wird. Einen Blick in die Zukunft gewährt Ostdeutschland, nach einer inzwischen schon älteren Studie der Universität Chicago von 2012 die ungläubigste Region der ganzen Welt: 59 Prozent der Bevölkerung sagen dort, dass sie noch nie an Gott geglaubt haben – in den USA sind das nur vier Prozent.

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Der hohe Anteil an Atheisten wird dort oft auf die NS-Diktatur und das anschließende DDR-Regime zurückgeführt. Aber auch die Niederlande, die noch vor 50 Jahren als ein sehr religiöses Land mit blühenden Kirchen galten, haben sich zu einem ganz überwiegend säkularen (nichtkirchlichen) Land entwickelt. Wer dort sonntags eine katholische Messe besuchen will, muss oft weite Anfahrten in Kauf nehmen. In öffentlichen Debatten spielen die Kirchen dort kaum noch eine Rolle.

Überzeugte Katholiken können sich vielleicht damit trösten, dass ihre Kirche weltweit immer noch zulegt – auf mittlerweile fast 1,4 Milliarden Mitglieder. dpa/kzy

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