Kölner Studie: Gibt es mehr Herzinfarkte, wenn Deutschland spielt?

Rundschau | Wenn am Samstag das Achtelfinale gegen Dänemark angepfiffen wird, steigt bei den deutschen Fans die Anspannung. Kommen dann noch Foulspiel, rote Karten oder gar ein Elfmeterschießen dazu, kann so ein Fußballspiel zur emotionalen Achterbahn werden. Lösen Turnierspiele einer Europa- oder einer Weltmeisterschaft aber auch mehr Herzinfarkte aus? Dieser Frage widmen sich Wissenschaftler weltweit – auch in Köln.„Hochemotionale Momente, körperliche Belastung und ein exzessiver Konsum von Alkohol, Nikotin oder Drogen – diese Trigger können ein Auslöser für einen Herzinfarkt sein“, sagt Dr. Sascha Macherey-Meyer, Kardiologe an der Uniklinik Köln. Nach der Heim-WM 2006 stellten Ärzte aus München in einer Studie fest, dass es dort während der Spiele der deutschen Nationalmannschaft mehr Herzinfarkte und Herzrhythmusstörungen gab, als an Spieltagen ohne deutsche Beteiligung.Alle EMs und WMs zwischen 2006 und 2020Zusammen mit Oberarzt Privatdozent Dr. Samuel Lee betrachtete Dr. Macherey-Meyer nun die Kölner Behandlungszahlen in Bezug auf große Fußballturniere in der Vergangenheit. „Wir haben den Zeitraum vergrößert und uns alle Welt- und Europameisterschaften im Fußball zwischen 2006 und 2020 angesehen“, erläutert Dr. Macherey-Meyer das Vorgehen der Studie. Alle Daten stammen aus dem Kölner Infarkt Modell (KIM), einer seit 2005 bestehenden Kooperation zwischen dem Rettungsdienst und 16 Kölner Krankenhäusern.Alles zum Thema Universitätsklinikum KölnRund 4600 Patientinnen und Patienten aus Köln wurden einbezogen, die von der schwersten Form des Herzinfarktes betroffen waren: dem sogenannten STEMI, einem Myokardinfarkt, der bereits im EKG sichtbar ist. Dafür wurden die Zeiträume während der Turniere und außerhalb der Turniere getrennt voneinander betrachtet. Was jedoch sowohl in der Kölner als auch der Münchener Studie von 2006 nicht sicher nachgewiesen ist, ob die Patienten vor dem Infarkt überhaupt ein Fußballspiel geschaut haben.Jede Minute zählt beim HerzinfarktIst der Herzinfarkt beim Fußballschauen also vielleicht nur ein Mythos?„Es gab in Köln kein gehäuftes Auftreten von Infarkten während der Turnierzeiten“, fasst Dr. Sascha Macherey-Meyer das Ergebnis der hiesigen Studie zusammen. Doch ganz ausschließen wolle man einen Zusammenhang nicht. Es werde interessant sein, ob das bei der diesjährigen Heim-EM anders sein werde – auswerten wollen die Mediziner dies in der zweiten Jahreshälfte. Ein Blick ins aktuelle Infarktregister des KIM zeige jedoch: „Es gab in der Vorrunde bisher nicht mehr Infarkte als zu Zeiten außerhalb der EM“, so der Mediziner.  Dr. Sascha Macherey-Meyer und Dr. Samuel Lee sind selbst Fußballbegeistert, die Studie hat aber auch einen ernsten Hintergrund. So schließt sie nämlich nur die Menschen ein, die auch in einem Krankenhaus behandelt wurden. „Herzkreislauferkrankungen sind immer noch die häufigste Todesursache“, so Dr. Samuel Lee. „Wir wollen auch darauf aufmerksam machen, wie wichtig ein schnelles Handeln ist.“ Denn jede Minute zähle. „Je schneller der Patient behandelt wird, desto größer sind seine Überlebenschancen und ein Weiterleben ohne schwere neurologische Schäden.“Bei Symptomen immer den Notarzt rufenDas Kölner Infarkt Modell hilft dabei: Der Rettungsdienst bringt durch eine enge Vernetzung der Akteure seit 2005 alle Patienten mit akutem Herzinfarkt unmittelbar in eines der sechs Krankenhäuser, die rund um die Uhr ein Herzkatheterlabor betreiben, um die lebensrettende Behandlung dort durchzuführen. „Da stellen alle Häuser ihr wirtschaftliches Interesse zurück und arbeiten zusammen für die schnellstmögliche Versorgung der Patienten“, sagt Dr. Lee.Wichtig sei auch die Laienreanimation, so die Kölner Mediziner, mit der jeder einzelne im Fall eines Herzstillstandes Leben retten könne. Auch die UEFA selbst rückt das Thema Herz-Lungen-Wiederbelebung in diesem Jahr mit einem TV-Spot ins Zentrum der Aufmerksamkeit. „Wichtig bleibt, sollten während eines Fußballspiels Symptome auftreten, nicht abwarten, sondern direkt den Notarzt rufen“, sagt Dr. Sascha Macherey-Meyer. Dazu gehören unter anderem Brustschmerzen – die in Arme und Kiefer ausstrahlen können-, Atemnot oder Angst, Unruhe und Kaltschweißigkeit.
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