„Klasse2000“: Hier lernen Kinder den Umgang mit Emotionen in der Schule

Rundschau | „Klasse2000“Hier lernen Kinder den Umgang mit Emotionen in der SchuleVon Lia Gasch27.06.2024, 12:10 UhrLesezeit 8 Minuten Die Welt des Körpers und der Emotionen entdeckt die 2a der GGS Im Kirchfeld mit Gesundheitsförderin Mechthild Posth .Copyright: Lia Gasch Nicht nur Wissen über den Körper, sondern auch der Umgang mit Emotionen und kritisches Denken steht für sie auf dem Stundenplan.„Als mein Meerschweinchen gestorben ist, war das schwer und ich konnte es nicht fassen“, öffnet sich der siebenjährige Jakob seiner Klasse. Betroffen drehen sich einige zu ihm um. Die Kinder der 2a dürfen heute von ihren „Trauergeschichten“ erzählen. Frau Posth vom Gesundheitsprogramm „Klasse2000“ ist zu Besuch, und führt sie durch eine Schulstunde zum Thema Gefühle. „Was hast du dir in dem Moment gewünscht?“, fragt Frau Posth Jakob. „Dass das Meerschweinchen wiederbelebt wird“, sagt er ernst und bringt seine Klassenlehrerin, die während der Stunde im hinteren Teil der Klasse sitzt zum Schmunzeln. „Das können wir leider nicht“, gibt Frau Posth verständnisvoll zu bedenken. „Hast du dir auch Mitgefühl oder eine Umarmung gewünscht?“, fragt sie Jakob, der bejaht. Eine Mitschülerin schlägt vor, mit jemandem darüber zu reden, wenn das Haustier gestorben ist. Auch eine gute Idee, um mit Trauer umzugehen, findet die Klasse.Ein Hauch von Prominenz hängt Mechthild Posth an. Die 62-jährige Kölnerin ist sowas wie ein Star an der GGS Im Kirchfeld und wird von andauernd von strahlenden Kindergesichtern gegrüßt, als sie von Klasse zu Klasse läuft. Eine große weiße Plastiktasche mit Material für die Klassen hängt über ihrer zierlichen Schulter. Sie trägt Brille, Zopf, Perlenkette und ein herzliches Lächeln. Seit fast 20 Jahren ist Posth eine Gesundheitsförderin bei „Klasse2000“.Wir klären nicht einfach auf, sondern stärken Lebenskompetenzen.Bärbel Reccius, NRW-Koordinatorin von „Klasse2000“In Schulen rund um Köln begleitet sie teilnehmende Klassen während ihrer gesamten Grundschulzeit durch das Programm. Es soll Gesundheit fördern, sowie Sucht und Gewalt vorbeugen. „Was kann ich selbst tun, damit es mir gut geht?“, lautet der zentrale Inhalt. Befähigung statt erhobener Zeigefinger also. Über die Ernährung und Funktionen des Körpers geht das Programm weit hinaus. Auch Techniken zum Entspannen, der Umgang mit Konflikten und kritisches Denken in Bezug auf Werbung, Alkohol und Tabak sind Thema. Spaß macht die Teilnahme am Programm „Klasse2000“ offenbar auch.Copyright: Katharina Schwerber/timeescapeAufgeregt zeigen die Kinder auf, können sich kaum beherrschen nicht reinzurufen. Beim „Gefühle Raten“ spielen Gruppen abwechselnd ein Gefühl vor. Mit geballten Fäusten und grimmigem Blick stampfen sie vor der Tafel umher. Als es später um „Wutgeschichten“ geht, schnellt Jakobs Finger nochmal hoch. „Wenn der Schiri parteiisch ist“, sieht er rot. Als ein böses Gefühl wird Wut in der Stunde nicht behandelt. „Man muss nur wissen, wie man damit umgeht“, erklärt Frau Posth. „Wichtig ist, dass du weißt, dass alle Gefühle erlaubt sind.“Klasse2000-Kinder nehmen seltener DrogenAls der Kurs vorbei ist, legt Posth eine Pause im Lehrerzimmer ein: Anders als die herumwuselnden Lehrkräfte macht sie ihre Arbeit an der Schule wie alle Gesundheitsförderinnen nicht hauptberuflich. Die Diplomagraringenieurin war lange Teil eines Lehrgangs für Ernährungs- und Gesundheitsberatung und arbeitet   in einem Bioladen. „Ich muss unbedingt noch etwas anderes machen. Auch um nah am Zeitgeist zu bleiben“, erklärt sie auf einem der Drehstühle sitzend. „Das macht unheimlich Spaß. Man sieht die Dankbarkeit der Kinder und auch, dass es wirkt. Es ist eine absolut sinnvolle Arbeit.“ Fünf Stunden gibt Frau Posth heute an der GGS. Schwer die Kinder für ihr Thema zu begeistern sei es überhaupt nicht. Vor allem „Der Weg der Nahrung“ komme gut an. „Wenn du kommst, dann arbeiten wir nicht immer so viel mit Zetteln“, habe ein Schüler mal zu ihr gesagt, erzählt sie lachend. „Wenn jemand Externes kommt, hat das für die Kinder natürlich ganz besonders interessant.“Über 100.000 Grundschulkinder nehmen allein in NRW in diesem Schuljahr an dem deutschlandweiten Programm teil. Durch mehrere Studien, unter anderem vom Kriminologischen Institut Niedersachsen ist seine Wirkung belegt. „Klasse2000“-Kinder wurden dabei mit Nicht-Teilnehmenden verglichen. Die Ergebnisse: Weniger Rauchen und Alkoholkonsum in der vierten und siebten Klasse sowie geringerer Konsum von Marihuana in der neunten Klasse. Auch positive Effekte auf Selbstwert und Klassenklima waren erkennbar.„Die Studienlage sagt, dass die beste Prävention das Erlernen von Lebenskompetenzen ist“, erklärt Bärbel Reccius, die Koordinatorin von „Klasse2000“ für NRW. „Die Kinder sollen wissen, was sie stark macht, dass sie Nein sagen können, was sie brauchen oder nicht brauchen und wie sie Werbung hinterfragen können. Wir klären nicht einfach auf, sondern stärken diese Lebenskompetenzen.“ Die 53-Jährige ist gelernte Ernährungswissenschaftlerin und seit über 15 Jahren als Gesundheitsförderin im Einsatz. „Die Menschen, die ich früher beraten habe, kamen zu mir, weil sie bereits erkrankt waren. Bei Klasse2000 finde ich so schön, dass die Prävention schon früh ansetzt.“Das Leben in virtuellen Welten lernenTikTok und andere soziale Netzwerke seien teils schon in der Grundschule Thema. Werbung im TV würden Kinder kaum noch schauen. „Wir sprechen mit ihnen deshalb auch darüber, wie man Influencer erkennt. Was wollen die mir eigentlich verkaufen? Möchte ich einfach ein gutes Gefühl haben oder möchte ich wirklich das Produkt haben?“, sagt Reccius. Schließlich landen die Klassen bei der Frage „Was macht dich denn wirklich glücklich?“. Die meistgenannten Antworten seien damals wie heute „mit dem Haustier kuscheln, mit Freunden spielen, oder etwas mit den Eltern unternehmen“.Manchmal decke das Programm bei den Kindern klare Defizite auf. Aus gegebenem Anlass fällt Reccius dafür schnell das Beispiel Alkohol ein. „Wenn Fußballereignisse sind, also WM oder EM, wenn also oft Fußball zusammen geguckt wird, kamen schon öfter Äußerungen der Kinder, dass sie in dem Kontext alkoholfreies Bier trinken dürfen und sich damit an den Geschmack gewöhnen“, erklärt sie entsetzt. Da sei manchmal ein Gespräch nötig. „Alkohol zu trinken ist in vielen Familien normal und passiert regelmäßig.“ Während der „Klasse2000“-Stunden fangen Kinder teils zum ersten Mal an, diese Normalität zu hinterfragen.250 Euro kostet eine Klasse die Besuche von „Klasse2000“ pro Schuljahr. Die Leistungen des Vereins werden meist durch Patenschaften finanziert, die oft vom Förderverein, Apotheken, Banken oder andere Betriebe übernehmen. Die größten Paten sind deutschlandweit die Lions Clubs. So finanziert der Lions Club Leverkusen-Rhein-Wupper die „Klasse2000“-Stunden in der GGS Im Kirchfeld. „Sich um die Finanzierung zu kümmern, also Paten zu suchen, ist Aufgabe der Schule“, sagt Reccius.Klasse2000: Oft hapert es an den Finanzen„In sehr gut situierten Stadtteilen sammeln Schulen manchmal auch einfach 10 Euro von jedem Kind ein. In prekären Stadtteilen tun sich die Schulen damit manchmal schwerer. Oft ist der Förderverein auch nicht so finanzstark.“ Dann heißt es Klinken putzen. „Viele Schulen sind teilweise unglaublich belastet und schon der Alltag ist kaum stemmbar. Personalnot bis hin zu unbesetzten Schulleiterstellen, geflüchtete Kinder und Inklusion fallen da schwer ins Gewicht.“ Mangelnde Zeit für die Finanzierung sei deshalb manchmal ein Grund, warum Schulen nicht an „Klasse2000“ teilnehmen.Dabei variiere das Wissen der Kinder variiere beim Thema Gesundheit je nach Schule stark. Die „Schere“ zwischen Arm und Reich, Reccius hat sie live erlebt. Und sie werde größer. „Gerade in sozial benachteiligten Stadtteilen ist es viel schwieriger, Empfehlungen zu gesunder Ernährung und ausreichend Bewegung umzusetzen. Hier fehlt es nicht nur an Wissen, sondern auch an Möglichkeiten und Ressourcen.“ Auch deshalb sei es gut, dass das Programm während der Unterrichtszeit stattfindet und es keine Anmeldung braucht. „So erreichen wir wirklich jedes Kind“.i„Klasse2000“: Freiwillige gesuchtChefarzt Pàl Bölcskei war der „Erfinder“ von „Klasse2000“. In der Uniklinik Nürnberg traf er viele Menschen, die durch das Rauchen schwer erkrankt waren. Sein Programm wurde 1991 am Institut für Präventive Pneumologie entwickelt. Der Fokus lag damals auf der Prävention von Tabakkonsum. Bölcskei starb 2020.Voraussetzung, um Gesundheitsförderin oder Gesundheitsförderer zu werden, also Grundschulklassen zu schulen, ist Erfahrung mit Kindern. Vorwissen zum Thema Gesundheit sollte vorhanden sein, in Seminaren wird es vertieft. Die Arbeit findet unter einem Honorarvertrag statt, die Bazhlung liegt bei 32 Euro pro Schulstunde. Alle Infos gibt es auch bei Webinaren. Das nächste findet am 1. August statt. Beweis für den Erfolg ist auch die 4a. In einem Stuhlkreis stellt sie sich einer Art Super-Quiz von Frau Posth, das alle Themen der vergangenen Jahre abdeckt. Bevor sie nach den Sommerferien auf die weiterführende Schule gehen, soll das Wissen festgezurrt werden. „Wie viele Kilometer sind unsere Blutgefäße lang, wenn man sie alle aneinanderlegen würde?“. Fast die ganze Klasse meldet sich für die richtige Antwort: Fast 100 000 Kilometer. Auch was eben noch die 2a gelernt hat, ist bei ihnen hängen geblieben. „Welche Gefühle darf man zeigen?“. „Alle“, sind sich die Kinder einig. Dann klatschen alle gleichzeitig ihre Hände auf die Oberschenkel, schließen die Augen, atmen dreimal tief ein und aus. Frau Posth hat nach der „Klaro-Atmung“ gefragt, die in besonders aufregenden oder anstrengenden Momenten erleichtern soll.Lehrkräfte   im Sachunterricht entlastetZufrieden beobachtet die Klassenlehrerin das Geschehen. „Die Stunden mit ihnen sind immer so kurzweilig“, wird sie später seufzend zu Frau Posth sagen und dabei dankbar lächeln. Was das Programm   enthält, steht unter dem Fach Sachkunde auch auf dem Lehrplan. Alle der rund 15 „Klasse2000“-Stunden pro Schuljahr übernehmen die Gesundheitsförderinnen und Gesundheitsförderer aber nicht. Sie sind zwei- bis dreimal zu Besuch, den Rest übernehmen die Lehrkräfte. „Wir wollen eine Unterstützung im Schulalltag sein und es einfacher machen, diese Themen umzusetzen“, erklärt Reccius. Ein Konzept für den Unterricht, Materialien wie Videos, digitale Tafelbilder und Hefte bekommen die Lehrenden an die Hand.Die jahrelange und liebevolle Arbeit mit der 4b endet an diesem einfachen Dienstagmittag. Den Händedruck und die Gratulation von Frau Posth nehmen die Kinder stolz entgegen. Ein Vertrag, den die Kinder mit sich selbst schließen sollen, markiert seinen Abschluss. „Ich will gesund bleiben! Deshalb verpflichte ich mich nicht zu rauchen!“ steht darauf. „Dürfen wir uns jetzt eine eigene Unterschrift ausdenken!?“, ruft ein Junge aufgeregt. Bei einer seiner Mitschülerinnen scheint gar kein Schriftstück nötig: „Wenn mir jemand eine Zigarette anbietet, sage ich einfach: Nein danke, ich habe gerade erst mit dem Rauchen aufgehört.“
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