Kirchengemeinde reagiert auf den sexuellen Missbrauch eines Priesters

Kirchengemeinde reagiert auf den sexuellen Missbrauch eines Priesters

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Mit dem inquisitorisch anmutenden Ratschlag „das Fleisch auf den Grill zu legen“, wies Papst Franziskus das Rücktrittsgesuch des Erzbischofs von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, zurück. Das päpstliche Schreiben an seinen „Bruder“ beendete der Papst mit der Aufforderung „Weide meine Schafe“. Kardinal Marx hatte zuvor dem Papst den Rücktritt angeboten, da er den Umgang der katholischen Kirche mit dem sexuellen Missbrauch „an einem toten Punkt“ angekommen sah und dafür eine „Mitverantwortung“ übernehmen wollte.

In der katholischen Kirche verstehen sich die Priester als Hirten, die die Gemeindemitglieder zu hüten haben. In der Gemeinde im bayerischen Garching an der Alz, in der der wegen Kindesmissbrauchs bereits verurteilte pädophile Priester H. 20 Jahre lang diese Hirtenfunktion innehatte und Kinder und Jugendliche missbrauchte, nehmen die Männer und Frauen jetzt den Schutz der Herde offenbar selbst in die Hand. Am Sonntag beginnt in der Gemeinde die „Garchinger Präventionswoche“, mit Ausstellungen und Vorträgen, die Corona bedingt online stattfinden, zum Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder. Die Präventionswoche sei eine Folge der Recherche von CORRECTIV und Frontal 21 „Ratzinger und der pädophile Priester“, wie die Mitorganisatorin Rosi Mittermeier sagt.

Am kommenden Freitag wird Markus Elstner aus Bottrop auftreten, der mit dem Vortrag „Wer sein Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter“, darüber berichten wird, wie er mit dem Missbrauch des Priesters H. in den 1970iger Jahren umgegangen sei.

Der Priester H. und der Papst

In Bottrop hat die Missbrauchsgeschichte des Priesters H. in den 1970iger Jahren begonnen, der Kaplan wurde später erst nach Essen versetzt, danach in verschiedene Gemeinden in München. Nach einer Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs wurde H. 1986 zum Priester der bayerischen Gemeinde von Engelsberg und Garching an der Alz berufen. In den 20 Jahren seiner priesterlichen Tätigkeit kam es auch dort zum Missbrauch. Als auch dort Missbrauchs-Gerüchte über Priester H. auftauchten, versetzte ihn Kardinal Marx 2008 nach Bad Tölz.  2010 berichtete die New York Times darüber, dass unter dem damaligen Erzbischof von München und Freising, Kardinal Joseph Ratzinger, der Priester H. trotz des Wissens um seine pädosexuellen Neigungen wieder als Priester in Gemeinden eingesetzt wurde. Ratzinger war damals bereits Papst, Kardinal Marx versuchte offenbar, diesen zu schützen und versetzte Priester H. in den Ruhestand.

Im letzten Jahr griffen CORRECTIV und Frontal 21 die Geschichte erneut auf, recherchierten in Bottrop, Essen, München und Garching an der Alz, und förderten neue Verbindungen zwischen Kardinal Ratzinger und dem Priester H. sowie weitere Fälle des Missbrauchs zu Tage.

Eine CORRECTIV-Recherche deckt neue Verbindungen auf

Ein Studienfreund von Ratzinger, Weihbischof Heinrich von Soden-Fraunhofen, betreute viele Jahre zusammen mit H. die Gemeinden Engelsberg und Garching. Obwohl von Soden-Fraunhofen die Gefährlichkeit von H. genau kannte, warnte er weder die Gemeinde noch verhinderte er, dass H. sich mit Jungen umgeben konnte. Zudem gibt es Hinweise, dass es bei einem Besuch Ratzingers beim kranken Weihbischof auch zu einem Treffen mit H. gekommen sein könnte. Der Papst emeritus  ließ dieses Treffen nach Erscheinen der Recherche allerdings dementieren.

Die CORRECTIV-Recherchen stießen bei den Gemeindemitgliedern einen Prozess an. Die Menschen erkannten, dass in der Gemeinde über die Zeit des Priesters H. bisher der Mantel des Schweigens gelegt worden war. Nach der Veröffentlichung der Recherche begannen sie sich in der Initiative Sauerteig zu organisieren, sie fuhren nach München und trafen Kardinal Marx und erreichten, dass dieser versprach,  die Gemeinde zu besuchen, um sich am Ort des Geschehens weiteren Fragen zu stellen. Priester H. wurde von seinem Heimatbistum Essen zurückbeordert und unter Aufsicht gestellt.

„Die wochenlangen CORRECTIV-Recherchen in unserer Gemeinde haben uns darin bestärkt, endlich von dem Bistum Aufklärung einzufordern“, sagt Rosi Mittermeier, eine Mitgründerin der Initiative Sauerteig, „unsere Fragen und Forderungen nach Konsequenzen haben vielleicht auch dazu beigetragen, dass Kardinal Marx seinen Rücktritt angeboten hat“. Und die Männer und Frauen in der Gemeinde belassen es nicht bei Fragen, sie wollen dazu beitragen, dass sich so etwas nicht mehr wiederholen kann. „Die Präventionswoche in Garching zeigt genau das“, sagt Mittermeier.

Die Herde in der oberbayerischen Gemeinde hat die Aufgabe des Hirten übernommen.

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