Keine Belege, dass Menschen in Norwegen aufgrund einer Corona-Impfung starben

Dieser Artikel stammt von CORRECTIV.Faktencheck / Zur Quelle wechseln

Die Webseite Unzensuriert schrieb am 15. Januar: „In Norwegen sind bisher 23 Menschen nach der Verabreichung der ersten Teilimpfung mit dem Serum von Biontech/Pfizer verstorben. Bereits in 13 Fällen wurden ‘Nebenwirkungen’ des Impfstoffs als Ursache festgestellt.“ 

Für die Behauptung, dass die Nebenwirkungen die Todesursache waren, gibt es jedoch nach Recherchen von CORRECTIV.Faktencheck keine Belege. Laut den norwegischen Behörden ist kein Zusammenhang bestätigt. 

Tatsächlich untersucht Norwegen mehrere Todesfälle von Menschen, die zeitlich nach der Impfung starben. Am 15. Januar hatte die Norwegische Arzneimittelbehörde (Legemiddelverket) eine Pressemitteilung dazu herausgegeben. Darin heißt es, es seien bisher 23 Menschen in Norwegen zeitlich nach der Impfung verstorben. 13 Fälle seien untersucht. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die „üblichen“ Nebenwirkungen der Impfung bei älteren Menschen mit schweren Vorerkrankungen zum Tod beigetragen hätten. 

Generell seien Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung aber zu erwarten, weil vor allem alte Menschen mit schweren Vorerkrankungen geimpft worden seien. Durchschnittlich würden pro Woche etwa 400 Menschen in Pflegeeinrichtungen in Norwegen sterben.

Kein kausaler Zusammenhang zur Impfung gegen SARS-CoV-2 nachgewiesen

Die Arzneimittelbehörde kommuniziert die Verdachtsfälle bezüglich Nebenwirkungen der Impfung regelmäßig. Der Bericht enthält zudem die Todesfälle, die bereits bewertet wurden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Impfung als Todesursache feststeht, wie uns die Pressestelle der Behörde per E-Mail mitteilte: „Nebenwirkungen werden auf Verdacht berichtet, und die Berichte beschreiben Vorfälle, die nach der Impfung aufgetreten sind. Auch wenn ein Vorfall berichtet wurde, impliziert das nicht notwendigerweise, dass eine kausale Beziehung zwischen dem Vorfall und der Impfung nachgewiesen wurde.“

Zum Stand 14. Januar ist in dem Bericht zu lesen, dass in Norwegen die Gruppe der älteren Menschen in Pflegeeinrichtungen zuerst mit dem Impfstoff von Pfizer und Biontech geimpft wurde. 

Bei insgesamt 29 Personen sei ein Verdacht auf Nebenwirkungen berichtet worden (zum Beispiel Schmerzen an der Stichstelle, Müdigkeit, Fieber oder Übelkeit). 13 dieser Menschen seien gestorben. Die Todesfälle hätten gemeinsam, dass es sich um Bewohner von Pflegeeinrichtungen handelte, die sehr „gebrechlich“ waren und schwere Vorerkrankungen hatten.

Auszug aus dem Bericht der norwegischen Arzneimittelbehörde über berichtete Nebenwirkungen der Covid-19-Impfung, Stand 14. Januar 2021. (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Bereits 48.000 Menschen in Norwegen geimpft

Der Grund, weshalb im Bericht nur 13 statt 23 Todesfälle auftauchen, sei, dass bisher nicht alle Meldungen untersucht worden seien, erklärte uns die Arzneimittelbehörde auf Nachfrage. Täglich würden mehrere Berichte über vermutete Nebenwirkungen eingereicht, diese würden kontinuierlich überprüft. 

Auch die Gesundheitsbehörde Norwegian Institute of Public Health (NIPH, im Norwegischen Folkehelseinstituttet genannt) schrieb uns, es sei nicht belegt, ob die Impfung bei den Menschen zum Tod beigetragen habe. „Eine mögliche kausale Beziehung zwischen der Impfung und den berichteten Todesfällen wurde noch nicht untersucht. Solche Untersuchungen erfordern zusätzliche Daten, die noch nicht vorliegen.“

Wie uns das NIPH außerdem schrieb, wurden bisher 48.000 Menschen in Norwegen geimpft (Stand 19. Januar 2021). „Manche sind Mitarbeiter im Gesundheitssystem, aber die meisten sind Menschen, die in Pflegeeinrichtungen leben. Die meisten der Geimpften haben die Impfung gut vertragen.“ 

Bei „sehr gebrechlichen“ Patienten soll Nutzen abgewogen werden, Norwegen empfiehlt die Impfung aber weiterhin vor allem für ältere Menschen 

Nach den berichteten Todesfällen hat das NIPH nach eigenen Angaben seine Impf-Empfehlungen für gebrechliche oder sterbenskranke Menschen noch einmal „betont“. Demnach sei bei „sehr gebrechlichen“ Patienten der individuelle Nutzen der Impfung gegen Nachteile abzuwägen. „Für die überwiegende Mehrheit der älteren Menschen, die mit Gebrechlichkeit leben, werden alle Nebenwirkungen des Impfstoffs durch ein geringeres Risiko einer schweren Erkrankung an Covid-19 mehr als ausgeglichen. Für diejenigen mit der schwersten Gebrechlichkeit können jedoch selbst relativ milde Nebenwirkungen des Impfstoffs schwerwiegende Folgen haben. Für diejenigen, die eine sehr kurze Lebenserwartung haben, kann der Nutzen des Impfstoffs marginal oder irrelevant sein.“ (Stand 21. Januar 2021, übersetzt mit Google Translate)

Per E-Mail an CORRECTIV.Faktencheck schrieb die Behörde, die Liste der priorisierten Gruppen für die Impfung sei allerdings nicht verändert worden. Dort stehen an erster Stelle weiterhin Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen und ausgewählte Gruppen von medizinischem Personal. 

Redigatur: Sarah Thust, Till Eckert

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Pressemitteilung der Arzneimittelbehörde Legemiddelverket (15. Januar 2021): Link (Englisch)
  • Bericht über Nebenwirkungen und Verdachtsfälle der Arzneimittelbehörde (wöchentlich aktualisiert): Link (Englisch)
  • Norwegische Impfstrategie: Link (Englisch)
  • Empfehlungen vom Norwegian Institute of Public Health (Impf-Leitfaden für medizinisches Personal): Link (Norwegisch) 

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