Keine Belege, dass geimpfte Menschen das Spike-Protein ausscheiden oder „Superspreader“ werden

Keine Belege, dass geimpfte Menschen das Spike-Protein ausscheiden oder „Superspreader“ werden

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Die österreichische Webseite Wochenblick behauptet in einem Artikel vom 31. Mai, der „Erfinder der mRNA-Technologie“, Luigi Warren, habe bestätigt, dass Menschen, die gegen Covid-19 geimpft sind, ein Spike-Protein ausscheiden und zu „Superspreadern“ werden. Der Wochenblick-Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 4.400 Mal auf Facebook geteilt. Er lässt jedoch wichtigen Kontext aus und führt in die Irre. 

Luigi Warren ist CEO einer Firma namens Cellular Reprogramming in Kalifornien. Er ist spezialisiert auf Computerwissenschaft und Biotechnologie und hat nach eigenen Angaben eine innovative Technologie entwickelt, um Zellen zu Stammzellen umzuprogrammieren. Im Rahmen dieser Forschung hat er sich mit mRNA-Technologie beschäftigt und in den vergangenen Jahren wissenschaftliche Arbeiten dazu publiziert

Luigi Warren schrieb auf Twitter tatsächlich über Spike-Proteine und „Superspreader“

Auf Twitter schrieb Warren am 26. Mai: „Ich glaube, die ‘Shedding’-Idee beinhaltet, dass Geimpfte das Spike-Protein ausscheiden, nicht das Virus. Und es stimmt sicherlich, dass Menschen, die mit mRNA-Impfstoffen geimpft wurden, das Spike-Protein ausscheiden, aber in winzigen Mengen, die beinahe mit Sicherheit keine Krankheit oder Unbehagen auslösen können.“ Der Beitrag wurde von Twitter gelöscht, Warren verbreitete einen Screenshot davon jedoch auf seinem verifizierten Profil in dem Sozialen Netzwerk Gab. 

Wochenblick greift in seinem Artikel über Warren noch einen zweiten Tweet des Wissenschaftlers vom 26. Mai auf, in dem er ergänzte, viel plausibler als die Theorie des Ausscheidens von Spike-Proteinen erscheine es ihm, dass die geimpften Menschen das Virus selbst – also SARS-CoV-2 – als „Superspreader“ weiterverbreiten könnten, und zwar aufgrund von „ADE“ oder „Lymphozytopenie“. 

Diese zwei Aussagen interpretiert der Wochenblick als „Bestätigung“ von „seit Monaten im Netz kursierenden Befürchtungen“. Damit wird suggeriert, von geimpften Menschen gehe eine Gefahr aus. 

Wir haben Luigi Warren kontaktiert und auch einen deutschen Virologen zu dem Thema befragt. Unser Faktencheck zeigt, dass die Darstellung des Wochenblick irreführend ist und Luigi Warrens Argumente wissenschaftlich nicht belegt sind. Es handelt sich um Hypothesen, also um unbewiesene Annahmen. Es gibt keine Belege dafür, dass Geimpfte eine Gefahr für andere Menschen darstellen. 

Was ist das Spike-Protein? 

Die derzeit eingesetzten mRNA- und Vektorimpfstoffe gegen Covid-19 enthalten genetische Informationen des Coronavirus, die menschliche Körperzellen dazu anregen, selbst das sogenannte Spike-Protein des Virus zu produzieren. Gegen dieses Protein bildet der Körper Abwehrstoffe, um später gegen das echte Virus SARS-CoV-2 geschützt zu sein. Im Rahmen dieser Arbeit des Immunsystems kann es oft zu Impfreaktionen wie Fieber, Müdigkeit oder Kopfschmerzen kommen. 

Seit Wochen kursieren weltweit Gerüchte, nach denen Ungeimpfte angeblich durch Nähe zu Geimpften krank werden könnten. Denn die geimpften Menschen würden angeblich etwas ausscheiden („shedding“), worauf andere Menschen reagieren. Wir haben diese Behauptungen bereits vor Kurzem in einem Faktencheck überprüft. 

Das Ergebnis: Impfungen sind nicht „ansteckend“. Die Behauptung, Ungeimpfte können durch die Nähe zu geimpften Personen gesundheitliche Auswirkungen spüren, ist falsch. Damit sich die Covid-19-Impfung oder Bestandteile davon von Mensch zu Mensch übertragen könnten, müsste der Impfstoff vermehrungsfähige Viren oder andere Erreger enthalten. Das ist nicht der Fall.

Forscher sind unterschiedlicher Ansicht, ob Geimpfte das Spike-Protein ausscheiden können 

Viele der Behauptungen beziehen sich speziell auf das Spike-Protein, das der Körper aufgrund der Impfung produziert. Sie suggerieren, dass dieses Protein ausgeschieden wird und dass sich andere Menschen angeblich damit „infizieren“.  

Luigi Warrens Tweet ist zu entnehmen, dass er zwar glaubt, dass das Protein ausgeschieden werden kann – aber nicht, dass es eine Gefahr darstellt. Wir haben ihn in dem Sozialen Netzwerk Linkedin kontaktiert. Er schrieb, er finde es „extrem unwahrscheinlich“, dass man irgendeine Art von Krankheit über das Spike-Protein übertragen könne. Mehreren Kommentaren auf Twitter ist auch zu entnehmen, dass er die „Shedding“-Theorien über Impfstoffe ablehnt (hier und hier), er nannte sie sogar einmal „Science Fiction“

Der Virologe Friedemann Weber, Direktor am Institut für Virologie der Justus-Liebig-Universität in Gießen, ist anders als Warren der Ansicht, dass Geimpfte das Spike-Protein nicht ausscheiden können. Er erklärte uns bereits im Mai 2021 per E-Mail: „Ich denke, dass irgendjemand das mit dem ‚Shedding‘ bei viralen Proteinen falsch verstanden hat. Es kommt vor, dass virale Hüllproteine (zu denen das Spike-Protein gehört) auch ohne die weiteren Virusbestandteile von der Zelle ausgestoßen werden. Zum einen ist das Spike-Protein des SARS-CoV-2 aber ziemlich schlecht darin, und zum anderen gilt das Phänomen für einzelne Zellen, die das Protein herstellen, aber ganz gewiss nicht für das geimpfte Individuum.“

Studie zeigt, dass Spike-Proteine in den Blutkreislauf gelangen 

Wir haben Luigi Warren gefragt, worauf er die Aussage stütze, dass Geimpfte Spike-Proteine ausscheiden. Er verwies uns auf eine Studie vom 20. Mai 2021 aus den USA, die als Manuskript für das Journal Clinical Infectious Diseases akzeptiert wurde, also demnächst in dem Journal veröffentlicht werden wird. 

Die Forschenden fanden frei zirkulierende Antigene – darunter Spike-Proteine – im Blutplasma von Personen, die mit dem mRNA-Impfstoff von Moderna geimpft wurden. Insgesamt wurden 13 Personen untersucht. Nach der ersten Impfung war das Spike-Protein bei drei davon durchschnittlich bis zum 15. Tag nach der ersten Impfung nachweisbar. Nach der zweiten Impfdosis konnten bei keiner der 13 Personen mehr Antigene nachgewiesen werden. 

Aus der Tatsache, dass Spike-Proteine bei drei Personen im Blutplasma gefunden wurden, leitete Warren ab, dass diese Proteine auch ausgeschieden werden können. Er behauptet in seiner Nachricht an uns: „Wenn man frei zirkulierende Spikes hat, scheidet man sie mit denselben Mechanismen aus, mit denen man Viren ausscheidet.“ 

Der Virologe Friedemann Weber widersprach in einer E-Mail an uns: „Unser Blut ist voller Proteine, z. B. Antikörper. Die scheiden wir ja auch nicht aus, es sei denn wir schneiden uns.“ Auswirkungen auf Mitmenschen habe das „sicher keine“. 

Dieser Kontext fehlt im Artikel von Wochenblick

Was ist ADE? 

Die zweite Behauptung im Artikel von Wochenblick hat mit dem Ausscheiden von Spike-Proteinen nichts zu tun. Warren schrieb in seinem zweiten Tweet, für plausibler als die „shedding“-Theorie halte er, dass Menschen, die mit mRNA-Impfstoffen geimpft wurden, zu „Superspreadern“ des Coronavirus werden. Er erwähnt dabei die Begriffe ADE und Lymphozytopenie (Mangel an Lymphozyten, also weißen Blutkörperchen). Das sind wiederum verschiedene Dinge. 

ADE steht für „Antibody-dependent Enhancement“. Wir haben bereits in einem anderen Faktencheck erläutert, was das ist: Bei manchen Viren kommt es vor, dass die Erkrankung bei einer zweiten Infektion stärker verläuft als bei der ersten. Der Körper hat zwar nach der ersten Infektion Antikörper gebildet, diese sind in einem solchen Fall aber keine Hilfe, sondern verstärken die Krankheit. 

Ein Beispiel für Viren, bei denen das vorkommt, ist das Dengue-Virus, wie auch der Virologe Christian Drosten im Oktober 2020 im NDR-Podcast erklärte. Die sogenannten „infektionsverstärkenden Antikörper“ würden nicht das tun, was sie sollen, sondern es dem Virus erleichtern, in Zellen einzudringen. Drosten sagte, es gebe in einer Studie erste Hinweise, dass dies bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 auftreten und möglicherweise zu einem schweren Krankheitsverlauf von Covid-19 beitragen könne. 

Drosten sagte aber auch, dass Erkenntnisse über die Rolle von infektionsverstärkenden Antikörpern durch SARS-CoV-2 nicht einfach auf Infektionen nach Impfungen übertragbar seien. Das seien zwei verschiedene Dinge. 

Eine Impfung führt zur Bildung von Antikörpern und kann daher theoretisch zu ADE führen. Man spricht dann von „Vaccine Associated Enhanced Disease“ (VAED). Auf seiner Webseite erklärt das Paul-Ehrlich-Institut dazu jedoch (Stand 7. Juni 2021): „Aus klinischen Prüfungen mit mRNA-Impfstoffen gibt es keinerlei Hinweise auf eine verstärkte Covid-19-Erkrankung bei geimpften Personen. Auch haben Studien an Tieren unterschiedlicher Spezies, die nach Impfung mit SARS-CoV-2 infiziert wurden, keine Anzeichen eines VAED gezeigt.“

Es gibt also bisher keine Hinweise, dass ADE nach Covid-19-Impfungen auftritt. Es handelt sich hierbei um eine wissenschaftliche Frage, die noch erforscht wird, wie wir auch in einem anderen Faktencheck erläutert haben. 

Keine Belege, dass Geimpfte zu „Superspreadern“ des Coronavirus werden können

Wir haben Luigi Warren gefragt, weshalb er glaube, dass Geimpfte zu „Superspreadern“ werden. Er schrieb, er stütze seine Aussage auf eine Beobachtung einer „seltsamen Korrelation“ zwischen dem Beginn der Impfungen und neuen Infektionswellen in „mehreren Ländern“. Genauer ging er zunächst darauf nicht ein und nannte als Belege lediglich Diskussionen auf Twitter, in denen von Indien und Schweden die Rede ist. „Es gibt viele spekulative Mechanismen, die dafür verantwortlich sein könnten – oder es könnte alles bloß Zufall sein“, schrieb uns Warren auf Linkedin.

Auf eine zweite Nachfrage, inwiefern ADE oder ein Mangel an weißen Blutkörperchen (Lymphozytopenie) jemanden zu einem Superspreader machen könnten, schrieb er, ein geschwächtes Immunsystem mache anfälliger für die Krankheit, daher sei seine Hypothese, dass diese Personen zu „Superspreadern“ werden können, nur logisch. Er fügte hinzu, dass es keine Definition gebe, was ein „Superspreader“ sei.  

Es handelt sich bei diesen Aussagen von Warren also um unbelegte Hypothesen. Der Virologe Friedemann Weber schrieb uns dazu per E-Mail: „ADE war von Beginn der Pandemie an eine große Sorge der Fachleute. Bisher haben sich die Befürchtungen jedoch nicht bewahrheitet. Dass Geimpfte zu Superspreadern werden, ist mir nicht bekannt. Ebenso kenne ich keine Studie, die einen Zusammenhang zwischen ADE (bzw. Lymphozytopenie) und Superspreading herstellt.“ 

Weber ergänzt, er kenne zudem auch keine Studie, die belegt, dass eine Covid-19-Impfung Lymphozytopenie verursachen kann. „Ich kenne nur gegenteilige Daten, die zeigen, dass die Impfung die Bildung von Lymphozyten stimuliert.“ 

Corona-Fallzahlen sinken in mehreren Ländern mit hoher Impfquote

Warrens Beobachtung, dass die Corona-Fallzahlen in einigen Ländern kurz nach Beginn der Impfungen gestiegen sind, sind kein Beleg für einen Zusammenhang. Es gibt mehrere Beispiele von Ländern mit einer hohen Quote geimpfter Menschen, zum Beispiel Israel, in denen die Corona-Fallzahlen kontinuierlich zurückgehen. In Israel waren am 2. Juni laut „Our World in Data“ fast 60 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. 

Auch in Israel waren die Fallzahlen nach Beginn der Impfkampagne gestiegen, damit haben wir uns bereits in zwei Faktenchecks (hier und hier) beschäftigt. Die Impfungen hätten die Corona-Welle ab Mitte Dezember 2020 nicht verhindern können, da die Schutzwirkung erst etwa zwei Wochen nach der ersten Impfdosis beginnt. Geimpft wurde in Israel seit dem 19. Dezember. Etwa vier Wochen später – ab Mitte Januar 2021 – sanken die Corona-Zahlen in Israel. 

In Deutschland, wo laut Robert-Koch-Institut am 2. Juni rund 20 Prozent vollständig geimpft waren, sinken die Corona-Zahlen ebenfalls seit Wochen. Und generell zeigt der Trend auch in Indien und Schweden ein Absinken der Zahlen. In Indien ist der Anteil der geimpften Bevölkerung noch sehr gering, in Schweden ist er etwas niedriger als in Deutschland. 

Grafik: Anteil vollständig geimpfte Menschen an Bevölkerung
Der Anteil der vollständig geimpften Personen an der Bevölkerung in Israel, den USA, Deutschland, Schweden und Indien (Quelle: Our World in Data / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Achtung, Farben weichen von der oberen Grafik ab: Die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen pro eine Million Einwohner ab dem 27. Dezember 2020 in Indien, den USA, Deutschland, Schweden und Israel (Quelle: Our World in Data / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Fazit: Der Artikel von Wochenblick führt in die Irre. Er stellt Hypothesen eines Wissenschaftlers als Tatsachen dar und lässt relevanten Kontext aus. Es gibt keine Belege für eine Gefahr durch geimpfte Menschen – weder durch die Übertragung des Spike-Proteins, noch durch eine angeblich gesteigerte Übertragung des Coronavirus. Luigi Warren sieht selbst auch keine Gesundheitsgefahr für Ungeimpfte durch das Spike-Protein.

Redigatur: Sarah Thust, Steffen Kutzner

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Erklärung über die Funktionsweise von mRNA-Impfstoffen: Link
  • Studie „Circulating SARS-CoV-2 Vaccine Antigen Detected in the Plasma of mRNA-1273 Vaccine Recipients“: Link
  • Christian Drosten über ADE im NDR-Podcast: Link (archiviert)
  • Hinweise des Paul-Ehrlich-Instituts zu ADE / VAED: Link
  • Coronavirus-Daten von Israel auf dem Portal „Our World in Data“: Link

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