Facebook verbietet Falschinformationen in Werbeanzeigen – warum ist die Plattform dann voll damit?

Facebook verbietet Falschinformationen in Werbeanzeigen – warum ist die Plattform dann voll damit?

Dieser Artikel stammt von CORRECTIV.Faktencheck / Zur Quelle wechseln

Covid-19 sei eine „mittelschwere Grippe“, die Pandemie existiere nicht, die Impfung sei eine Genmanipulation oder töte hunderte Menschen: Falsche Aussagen wie diese möchte Facebook nicht auf seiner Plattform haben. Das Unternehmen versieht solche Beiträge seit Beginn der Corona-Pandemie mit Warnhinweisen und nutzt dafür unter anderem Recherchen wie die von CORRECTIV.Faktencheck. 

Doch im System gibt es offenbar eine große Lücke – und die betrifft politische Werbeanzeigen. 

Politische Anzeigen auf Facebook umfassen Wahlwerbung, Anzeigen von Politikern, Kandidatinnen für ein öffentliches Amt oder Parteien, aber auch Anzeigen zu „politisch oder gesellschaftlich relevanten Themen“. Menschen geben Facebook Geld und das Unternehmen zeigt ihre Beiträge dafür automatisch Nutzerinnen und Nutzern im Sozialen Netzwerk an. Den Inhalt der Anzeigen bestimmen die Werbetreibenden selbst – und sie können die Zielgruppe auswählen, der die Werbung gezeigt werden soll. 

Ein Blick in Facebooks Werbearchiv zeigt, dass politische Anzeigen in großer Zahl genutzt werden, um Corona-Falschinformationen zu verbreiten. 

Das steht im Widerspruch zu Facebooks eigenen Ansprüchen: „Facebook verbietet Werbeanzeigen, die falsche Behauptungen enthalten, die von externen Faktenprüfern aufgespürt wurden oder unter Umständen auch von Organisationen mit besonderer Fachkompetenz aufgedeckt wurden“ – so klar formuliert das Unternehmen es in seinen Werberichtlinien. Außerdem sind Werbeanzeigen mit Fehlinformationen zu Impfungen nicht erlaubt. „Werbetreibende, die wiederholt Informationen verbreitet haben, die als falsch gelten, müssen unter Umständen damit rechnen, dass sie nicht uneingeschränkt auf Facebook werben dürfen.“

Für Anzeigen von Politikerinnen und Parteien gelten auf Facebook andere Regeln

CORRECTIV.Faktencheck ist einer der externen Faktenprüfer, auf die sich Facebook bezieht. Das Unternehmen möchte mit dem Faktencheck-Programm dazu beitragen, dass sich Falschinformationen in dem Sozialen Netzwerk weniger verbreiten und die Menschen aufgeklärt werden. 

Ausdrücklich davon ausgenommen sind jedoch Äußerungen und Werbeanzeigen von Politikerinnen und Politikern oder Parteien. 

Facebook begründet diese Ausnahme im Faktencheck-Programm damit, dass in „reifen Demokratien“ Äußerungen von Menschen in der Politik ohnehin stark unter die Lupe genommen würden. Sobald eine Aussage direkt von einer Politikerin oder einer Partei auf ihrer Facebook-Seite getroffen wird, werden mit dem Beitrag keine Warnhinweise oder Faktenchecks verknüpft – auch, wenn dieselbe Behauptung an anderer Stelle bereits von Faktencheckern widerlegt wurde.  

Eine Facebook-Sprecherin schrieb uns auf Nachfrage: „Wir überprüfen keine Anzeigen von Politikern, so lange sie nicht gegen unsere Community-Standards verstoßen. In einer Demokratie sollten die Menschen entscheiden, was glaubhaft ist, nicht Technologiekonzerne. Deshalb senden wir keine Inhalte oder Anzeigen von Politikern an unsere Faktencheck-Partner.“ Wenn man Aussagen von Politikerinnen einschränke oder Inhalte entferne, seien die Menschen nach Ansicht von Facebook weniger darüber informiert, was ihre gewählten Vertreterinnen sagen, und Politiker würden weniger für ihre Worte verantwortlich gemacht. Ob diese kritische Öffentlichkeit bei Werbeanzeigen auf Facebook gut funktioniert, ist allerdings fraglich. 

Politische Anzeigen sprechen die potentielle Wählerschaft an 

Anzeigen können so eingestellt werden, dass sie von einem Algorithmus nur der Zielgruppe angezeigt werden, die die Werbetreibenden zuvor als potentiell interessiert auswählen. Sie können Menschen gezielt nach Wohnort oder persönlichen Interessen ansprechen. Die Werbung soll so vor allem Personen erreichen, die mit der Partei oder der Sache sympathisieren, nicht die Kritikerinnen und Kritiker. 

Facebook ist sich des möglichen negativen Einflusses von politischer Werbung rund um Wahlen durchaus bewusst. Vor der Präsidentschaftswahl in den USA hat das Unternehmen politische Anzeigen eingeschränkt. Eine Woche vor der Wahl im November 2020 und längere Zeit danach wurden sie sogar komplett verboten, um „Verwirrung oder Missbrauch“ zu verhindern. 

Im September 2021 findet in Deutschland die Bundestagswahl statt. Desinformation zur Corona-Pandemie steht exemplarisch für die Möglichkeiten, Menschen mit Hilfe von Werbeanzeigen in die Irre zu führen. 

Wir fanden bei unseren Recherchen Hinweise darauf, dass Facebook seine eigenen Regeln bezüglich Falschinformationen und politischen Anzeigen hierzulande nicht konsequent durchsetzt. Manche Anzeigen werden gesperrt, andere nicht. Die Frage ist: Nach welchen Kriterien entscheidet Facebook hier?

Facebooks Werbebibliothek enthält zahlreiche Anzeigen mit falschen Behauptungen über die Corona-Pandemie

Die Werbebibliothek archiviert seit 2018 alle Anzeigen auf Facebook, inklusive politischer Anzeigen, sieben Jahre lang. Zu finden sind dort sowohl aktive Anzeigen – also solche, die aktuell gerade Menschen angezeigt werden – als auch inaktive, bereits abgelaufene Anzeigen. 

Wir haben mehrere Beispiele von Anzeigen in der Werbebibliothek dokumentiert, die falsche Aussagen zum Thema Corona enthalten. Nicht alle stammen von Politikerinnen oder Parteien – offenbar rutschen auch Anzeigen anderer Akteure durch Facebooks Kontrollen. Andersherum fanden wir auch Anzeigen von Politikerinnen und Politikern, die von Facebook wegen Verstößen gegen die Werberichtlinien entfernt wurden. 

Am 20. Juli 2020 schaltete ein Heilpraktiker namens George Brasch eine Anzeige mit der falschen Behauptung, mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 würden die menschlichen Gene verändern (zum Faktencheck). 

Die Anzeige stammt nicht von einem Politiker, doch Facebook behandelt sie als politische Anzeige, da sie sich mit einem politisch relevanten Thema befasst. Für solche Anzeigen gelten strengere Transparenzregeln. Sie müssen laut Facebook immer einen öffentlichen Hinweis enthalten, wer sie finanziert hat. Alle Anzeigen mit einem solchen „Disclaimer“ würden auf die Einhaltung der Werberichtlinien überprüft, heißt es außerdem.  

Die Anzeige des Heilpraktikers enthält in der Werbebibliothek den Hinweis, sie sei „ohne Disclaimer“ geschaltet und deshalb entfernt worden. Sie verstieß also gegen die Transparenzkriterien – darauf, dass die Behauptung über „Genmanipulation“ inhaltlich gegen die Werberichtlinien verstoßen hat, findet sich in dem Archiv kein Hinweis. 

„Test-Epidemie“, „mittelschwere Grippe“

Am 23. März 2021 kaufte eine AfD-Landtagsabgeordnete aus Hessen, Claudia Papst-Dippel, eine Anzeige mit der Aussage „Wir leben in einer Test-Epidemie!“. Darin behauptet sie fälschlich, es gebe keine zweite Corona-Welle, sondern nur mehr Fälle, weil mehr getestet werde (zum Faktencheck). Das Narrativ der „Test-Epidemie“ hatte Papst-Dippel bereits in einer Anzeige am 8. Oktober 2020 verbreitet, mit einer falschen Interpretation eines Artikels der New York Times über angeblich 90 Prozent falsch-positive PCR-Tests (zum Faktencheck). 

Eine Anzeige der AfD-Landtagsabgeordneten Claudia Papst-Dippel aus Hessen vom 8. Oktober 2020, archiviert in der Werbebibliothek von Facebook (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Der AfD-Politiker Robert Farle aus Sachsen-Anhalt schaltete Ende Februar und Anfang März 2021 gleich dreimal dieselbe Anzeige mit einem Video einer Rede, die er im Landtag gehalten hatte. Er behauptete darin, die WHO habe bestätigt, dass ein PCR-Test „allein Infektionen nicht feststellen kann“. Auch das stimmt nicht – die WHO hat so etwas nicht bestätigt. Farle gab lediglich eine weit verbreitete Fehlinterpretation einer WHO-Mitteilung an Laborpersonal wieder (zum Faktencheck). 

Etwa 500 Euro gab der Politiker laut Facebook für die drei Anzeigen aus; sie wurden mehr als 125.000 Mal Menschen in dem Sozialen Netzwerk angezeigt. 

Am 25. Januar 2021 bezeichnete die AfD-Fraktion Sachsen-Anhalt in einer Facebook-Anzeige die Behauptung „Covid-19 bewegt sich auf dem Niveau einer mittelschweren Grippe“ als „belegbare Aussage“. Das ist falsch; im Gegenteil gibt es zahlreiche Belege dafür, dass das Coronavirus gefährlicher ist als die saisonale Grippe (zum Faktencheck). 

Eine Anzeige der AfD-Fraktion Sachsen-Anhalt vom 25. Januar 2021, archiviert in der Werbebibliothek von Facebook (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Bei den meisten dieser Werbeanzeigen existierte unser Faktencheck über die Behauptung schon, bevor die Anzeige geschaltet wurde. 

Was ist mit extremistischen Werbeanzeigen?

Manche politischen Anzeigen, die auf Facebook freigeschaltet werden, enthalten nicht nur Falschinformationen, sondern stellen unsere Demokratie infrage. 

Die Facebook-Seite „Die Rote Fahne“ schaltet zum Beispiel regelmäßig politische Werbeanzeigen mit Desinformation. Die Seite nennt sich selbst provokant „sozialistisches Magazin“, manche ihrer Anzeigen wurden von Facebook entfernt, aber sehr viele auch nicht. In einer Anzeige, die nicht gesperrt wurde, heißt es: „Allein der Sturz des Regimes und dessen Ersetzung durch eine Regierung der Volksmacht wird demokratische Grundrechte, Frieden und soziale Gerechtigkeit herstellen können.“

Mehrfach ist die Rede von einem angeblichen „Ermächtigungsgesetz“ (Faktencheck), und es finden sich Falschbehauptungen wie „Die Corona-Grippe ist seit Wochen vorbei“ (Mai 2020), „Das RKI hat bis heute keinen einzigen Corona-Toten nachgewiesen“ (Dezember 2020), oder „Es gibt keine Pandemie, es ist ein faschistischer Putsch“ (Februar 2021). 

Eine Werbeanzeige von „Die Rote Fahne“ zeigt ein Bild eines gelben Sterns mit dem Wort „ungeimpft“ darauf – diese Symbole werden auch oft auf Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen gezeigt. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung forderte laut Medienberichten kürzlich, dies als Relativierung des Holocaust zu verbieten. 

Von April 2019 bis 10. Mai 2021 hat die Seite „Die Rote Fahne“ laut Facebook mehr als 3.800 Euro für Anzeigen auf der Plattform ausgegeben. 

Wir haben Facebook auf die Seite hingewiesen. In seiner Antwort per E-Mail ist das Unternehmen darauf nicht eingegangen. 

Werbeanzeigen auf Facebook dürfen sich nicht gegen Impfungen aussprechen

Werbeanzeigen dürfen laut den Facebook-Richtlinien auch nicht von Impfungen abraten oder sich gegen Impfungen aussprechen. Erst Anfang des Jahres hat Facebook diese Regeln verschärft und verbietet nun sämtliche Falschinformationen über alle Arten von Impfungen. Anfang Mai recherchierte die BBC, Facebook entferne Seiten und Gruppen, die die Impfbereitschaft mit ihren Beiträgen absichtlich schwächen – unabhängig davon, ob die Informationen falsch seien oder nicht. 

Doch in der Werbebibliothek fanden wir mehrere Beispiele politischer Anzeigen, die dazu geeignet sind, Menschen von der Covid-19-Impfung abzuhalten. In zahlreichen Werbeanzeigen ist von einer „Zwangsimpfung“ die Rede. 

Die AfD-Bundestagsabgeordnete Birgit Malsack-Winkemann schaltete regelmäßig Anzeigen, in denen sie suggerierte, die Impfung sei gefährlich und eine große Anzahl Menschen sei deswegen gestorben. Im April 2021 veröffentlichte sie eine Anzeige, in der es hieß, die Corona-Impfung verursache stärkere Blutungen und Krämpfe bei Frauen. Und am 5. Mai 2021 schrieb sie, beim Astrazeneca-Impfstoff sei der „Impf-Tod wahrscheinlicher als Tod durch Covid-19“. 

Anzeige von Birgit Malsack-Winkemann, AfD
Eine Anzeige der AfD-Bundestagsabgeordneten Birgit Malsack-Winkemann von März 2021 zitiert das Vaccine Adverse Reaction System (VAERS) der USA – diese Datenbank enthält jedoch keine bestätigten Nebenwirkungen, sondern unverifizierte Meldungen (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Insgesamt hat die AfD-Bundestagsabgeordnete laut Facebook von April 2019 bis Mai 2021 mehr als 6.000 Euro für Anzeigen in dem Sozialen Netzwerk ausgegeben. 

Einzelne politische Anzeigen zur Corona-Pandemie wurden von Facebook gesperrt

All diese Werbeanzeigen wurden regulär auf Facebook ausgespielt. Dabei ist es durchaus möglich, dass Facebook politische Anzeigen sperrt – und wir fanden in der Werbebibliothek mehrere Beispiele dafür, dass davon auch Politikerinnen und Politiker betroffen waren. 

Eine Anzeige des Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann (AfD) vom 5. März 2021 enthält zum Beispiel den Hinweis: „Diese Werbeanzeige wurde entfernt, da sie gegen die Werberichtlinien von Facebook verstößt.“ Hohmann sprach darin über die „Inzidenz-Ideologie“ und stellte die Aussagekraft von PCR-Testergebnissen infrage. „Wir müssen Corona, eine gefährliche Grippe, bekämpfen, aber mit Vernunft und Augenmaß“, forderte er. 

Anzeige von Martin Hohmann, AfD
Eine Anzeige des AfD-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann von März 2021, archiviert in der Werbebibliothek von Facebook (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Auch Anzeigen, die von uns widerlegte Falschinformationen enthielten, wurden teilweise entfernt. Darunter zwei von der AfD-Bundestagsabgeordneten Birgit Malsack-Winkemann, in denen sie schrieb, die „impfstoffbedingte Todesrate“ sei in Israel angeblich 40 Mal höher als bei der Krankheit Covid-19 (zum Faktencheck) und die Inzidenz könne wegen „methodischer Ungenauigkeiten“ der PCR-Tests nie unter 100 sinken (zum Faktencheck).

Im Mai und Juni 2020 sperrte Facebook außerdem fast alle Anzeigen einer Seite namens „Demokratie oder Diktatur?“, in denen die Pandemie auf verschiedene Weise relativiert wurde. Allerdings steht bei diesen Anzeigen auch zusätzlich, sie seien ohne den nötigen „Disclaimer“ geschaltet worden. Was genau zur Löschung führte, ist also unklar.

Facebook sperrt aktuelle Anzeigen zum Thema Impfen

Wir haben die von uns recherchierten Beispiele am 12. Mai an Facebook geschickt. Das Unternehmen teilte uns anschließend mit, die aktiven Anzeigen, die gegen die globalen Facebook-Leitlinien zum Thema Impfen verstoßen, seien deaktiviert worden. 

Mutmaßlich bezieht sich diese Aussage auf kürzlich geschaltete Anzeigen zum Thema Impfen. So wurde eine Anzeige von Birgit Malsack-Winkemann, die vom 12. bis 15. Mai ausgespielt wurde, entfernt mit dem Hinweis, sie verstoße gegen die Werberichtlinien. Auch eine Anzeige von Robert Farle vom 16. und 17. Mai wurde deaktiviert. Dasselbe gilt für eine Anzeige von Claudia Papst-Dippel vom 14. und 15. Mai. 

Bei den älteren Anzeigen konnten wir in der Werbebibliothek keine Veränderung feststellen, diese sind allerdings auch archiviert und somit inaktiv. 

Facebook setzt seine neuen Regeln zu Falschinformationen über Impfungen offenbar strenger durch, auch bei politischen Anzeigen. Bei anderen Themen bleibt unklar, wann das Unternehmen politische Anzeigen deaktiviert und wann nicht. Eine klare Linie wird nicht deutlich. In der Werbebibliothek fanden wir manche Anzeigen zum Thema Corona, die gesperrt wurden, und sehr ähnliche Anzeigen, bei denen das nicht der Fall war. Eine Erklärung dafür lieferte Facebook auf unsere Anfrage nicht.

Fest steht: Facebook bekämpft Desinformation auf seiner eigenen Plattform. Aber das System hat große Schwachstellen.

The post Facebook verbietet Falschinformationen in Werbeanzeigen – warum ist die Plattform dann voll damit? appeared first on correctiv.org.

Zur Quelle wechseln