Explosion in Köln-Bocklemünd: Angeklagter fühlte sich verfolgt und glaubte an böse Kräfte

Rundschau | Er fühlte sich von Wölfen gejagt und glaubte an böse Kräfte der Zahlen 5 und 13. Für die Explosion, die am 22. November 2023 vormittags ein Hochhaus im Görlinger-Zentrum erschütterte, muss sich ein Anwohner jetzt vor dem Landgericht verantworten. Die Anklage lautet auf versuchten Mord, doch die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 57-Jährige die Tat im Zustand erheblich verminderter Einsichtsfähigkeit begangen hat.Auf Krücken humpelte der Beschuldigte, der zurzeit in der psychiatrischen Klinik Essen des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) untergebracht ist, in den Saal. Genau zwei Minuten und 48 Sekunden lagen zwischen den ersten Rauchwolken, die aus dem Fenster der Wohnzimmer seiner Lebensgefährtin quollen, und seinem Sprung vom Balkon im zweiten Obergeschoss. Dabei zog sich der Beschuldigte einen derart schweren Beinbruch zu, dass sein linker Unterschenkel amputiert werden musste. Die Vorsitzende der 11. Großen Strafkammer, Sabine Kretzschmar, konnte den Anwesenden nicht das Video von der zunehmenden Rauchentwicklung und den Flammen nach der Explosion und dem Sprung des Mannes in die Tiefe ersparen. Der Angeklagte zum Prozessauftakt im Gerichtssaal.Copyright: Ulrike WeinertHauptzeugin des Vorfalls ist die Lebensgefährtin des Beschuldigten. Sie schilderte, wie sie an dem Mittwochmorgen von Gasgeruch und einem Zischen in der Wohnung geweckt wurde. Daraufhin ging sie ins Wohnzimmer, wo sie ihren Freund mit einer Gasflasche hantierend antraf. „Ich nehme dich mit“, soll er gesagt haben. Geistesgegenwärtig öffnete die Frau die Fenster und nahm ihm die Flasche weg. „Etwa eine Stunde lang redete ich mit ihm, er wiederholte immer wieder: ‚Es muss so sein. Es ist eben so‘“. Nachdem die beiden eine Zigarette auf dem Balkon geraucht hatten, habe er plötzlich ein Fleischermesser aus der Küche geholt, es aber in ein T-Shirt eingewickelt. „In dem Moment dachte ich, es wird Zeit, die Wohnung zu verlassen und Hilfe zu holen“, so die 54-Jährige weiter. Sie versuchte noch, die Flasche in einem Nebenraum des gemeinsamen Schlafzimmers zu verstecken, doch der war abgeschlossen. Ungehindert gelang es ihr, die Wohnung zu verlassen und zu einer der beiden Schwestern des Beschuldigten in der Nachbarschaft zu gehen.Alles zum Thema Landschaftsverband RheinlandDie beiden Frauen riefen die Polizei, der die Lebensgefährtin bei Eintreffen von Beamten des Spezialeinsatzkommandos (SEK) die Hausschlüssel aushändigte. Auf mehrere WhatsApp-Nachrichten an den Lebensgefährten, antwortete er ihr schließlich: „Ich bin eh tot.“Explosion Bocklemünd: Täter erinnert sich nichtDie sieben SEK-Kräfte, die sich Zutritt zur Wohnung verschafften, konnten nicht verhindern, dass der damals 56-jährige Mann wahrscheinlich mit einem Feuerzeug eine Gasexplosion verursachte. Zuerst brannte das Ecksofa, dann griffen die Flammen auf die gesamte Einrichtung über. Den Polizisten blieb nichts anderes übrig, als das eigene Leben zu retten. Fünf entkamen durch das Treppenhaus nach unten, zwei flohen in obere Etagen. Beide erlitten leichte Rauchgasvergiftungen, wobei es einen besonders stark erwischte. Der Beamte beantragte deshalb bei der Kammer Zulassung als Nebenkläger; dem wurde stattgegeben.Der Beschuldigte hat nach eigenen Angaben keine Erinnerung an die Tat. Er war bereit, Angaben zur Person zu machen, sah aber bei einfachen Fragen immer wieder hilfesuchend zu seiner Verteidigerin Karin Bölter Bereits im Vorfeld hatten mehrere psychiatrische Überprüfungen seiner Verhandlungsfähigkeit stattgefunden. „Er hat Gedächtnisstörungen, einen verlangsamten Gedankengang und macht einen verwirrten Eindruck“, so die Diagnose des Arztes.Von den drei Geschwistern des geschiedenen Vaters von vier Kindern, der seit über zehn Jahren arbeitslos ist, äußerte sich nur die jüngste Schwester. „Mein Bruder war immer ein Herzensmensch“, sagte die Frau, die mit der Lebensgefährtin ihres Angehörigen zusammen die Polizei alarmierte. Kleine Anzeichen von Verfolgungswahn im Vorfeld der Tat hatten auch sie nicht stutzig gemacht.Vom Besitz der Lebensgefährtin hat der Brand nichts mehr übriggelassen. Erst seit einer Woche kann sie wieder in ihrer Wohnung leben. „Ich möchte keinen persönlichen Kontakt mehr zu Herrn W.“, sagte sie am Ende ihrer Zeugenaussage. Der Prozess wird fortgesetzt.
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