Einstimmen auf leise Töne in Venedig

Monopol-Magazin

In Venedig wurde heute das Konzept der 61. Biennale vorgestellt. Ein fünfköpfiges Team realisiert die Ideen der verstorbenen Kuratorin Koyo Kouoh – und setzt statt Spektakel auf Zuhören und Langsamkeit

Nach der Pressekonferenz, auf der heute das Konzept der kommenden 61. Venedig Biennale vorgestellt wurde, scheint zumindest so viel schon einmal klar: Wer in diesem Mai nach Venedig reist, sollte den Zynismus zuhause lassen. Diese Biennale wird keine “Leistungsschau”, kein Best-of großer Namen und spektakulärer Werke, sie will stattdessen den “Geist eines Projekts” verströmen, das “Zusammenarbeit, Großzügigkeit und Vertrauen in die vielfältigen Dimensionen unserer gemeinsamen Menschlichkeit miteinander verwebt”. Wer sich rhetorisch so weit aus dem Fenster lehnt, kann bekanntermaßen sehr tief fallen – aber beginnen wir am Anfang.

Bei der heutigen Biennale-Präsentation saßen so viele Redner wie lange nicht mehr auf dem Podium, nur der Platz in der Mitte blieb demonstrativ leer. Koyo Kouoh, die im November 2024 zur künstlerischen Leiterin der Biennale ernannt worden war, starb im Mai 2025 überraschend im Alter von 57 Jahren. Vorgestellt wurden ihre Ideen jetzt von einem fünfköpfigen Expertenteam, das Kouoh noch selbst ausgewählt hatte, ihre kuratorischen Ideen umzusetzen: Gabe Beckhurst Feijoo, Marie Helene Pereira, Rasha Salti, Siddhartha Mitter und Rory Tsapayi.

Gemeinsam runterkommen

Der Titel der Hauptausstellung lautet “In Minor Keys”, was so viel heißt wie “in Moll”, aber auch eine gewisse Zurückhaltung und das Anschlagen leiserer Töne andeutet. In die globale Krisenstimmung, in das “Spektakel der Katastrophen” will diese Biennale nicht einsteigen. “Schalte einen Gang herunter und stimme dich auf die Frequenzen der Moll-Tonarten ein”, so hatte es Kouoh selbst noch formuliert. “Denn obwohl sie oft untergeht in der ängstlichen Kakophonie des gegenwärtigen Chaos, das in der Welt tobt, geht die Musik weiter.”

Zuhören, Sich-Einlassen und Öffnen – diese Begriffe fallen bei der heutigen Pressekonferenz immer wieder. Musik und Poesie stehen dabei beispielhaft für künstlerische Praktiken, die eher performativ und kollaborativ sind, weniger objektbezogen als flüchtig und generativ, und so universell und alt wie die Menschheit. Als literarische Referenzen, die Koyo als Inspirationsquellen dienten, nennt ihr Team Toni Morrisons “Beloved” und Gabriel García Márquez’ “Hundert Jahre Einsamkeit”: Texte, die Schwellen zwischen Lebenswelten und magischem Realismus beschwören.

Weniger didaktisch

So dürfte die 61. Venedig-Biennale kaum im Geist des Politaktivismus stehen. Vielmehr kündet das Expertenteam eine Rückbesinnung auf die ureigenen Qualitäten der Kunst an: Zwischenräume und Welten der Imagination zu öffnen, emotional, sinnlich, subjektiv zu sein, uns zum Träumen und zum Staunen anzuregen. Gleichzeitig dürfte die Biennale aber auch weniger didaktisch ausfallen als die vergangene Ausgabe, die auf irritierend enzyklopädische Weise den “Beweis” vorlegen zu müssen glaubte, dass es Kunst auch im Globalen Süden gibt.

111 Künstlerinnen und Künstler versammelt die Hauptausstellung, ausgewählt unter Berücksichtigung von “Resonanzen, Affinitäten und möglichen Konvergenzen zwischen ihren Praktiken” und nicht nach Alter oder Herkunft. Zu den konzeptionellen Leitmotiven der Ausstellung zählen “Schreine” (in denen die Praktiken von Issa Samb – Künstler, Dichter, Dramatiker und Mitbegründer des revolutionären Kollektivs Laboratoire Agit’Art in Dakar – und der Landart-Künstlerin und Bildhauerin Beverly Buchanan im Vordergrund stehen), “Prozession” (inspiriert von Karnevals-Choreografien und afro-atlantischen Versammlungen sowie der Idee symbolischer Umstürze bestehender Machtverhältnisse), außerdem “Verzauberung” sowie “spirituelle und körperliche Erholung”, die durch Oasen, kleine Inseln und Gärten von Künstlern ermöglicht werden sollen.

Diese Orte sollen der “Wiederverbindung und der Auseinandersetzung mit nicht-menschlichen Lebensformen” dienen und Raum für “Ruhe, Kontemplation und tiefes Zuhören” schaffen, während “multisensorische Installationen zum Träumen und zur Verzauberung” anregen und “die Besucher dazu einladen, langsamer zu werden und sich von der Erfahrung verwandeln zu lassen”.

Performance-Programm

Für die Eröffnungswoche sind dazu eine Reihe von Performances und Interventionen angekündigt: Maria Magdalena Campos Pons und Kamaal Malak laden zu “Radical Love and Resilience”, Guadalupe Maravilla zu “Healing sound baths”, Big Chief Demon Melancon zur “Black Masking Culture of New Orleans”, Hagar Ophir zu einer “Séance: Bound with the Living”. 

Aus früheren Biennalen weiß man, dass das Anrufen höherer Wesen vor internationalem Vernissagepublikum regelmäßig in Kitsch und kollektives Fremdschämen ausartete – aber vielleicht muss man dieser Biennale schon deshalb Respekt zollen. Zynismus jedenfalls kann diese Welt sicher nicht gebrauchen.

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