Dieses Video wurde nicht in den USA aufgenommen, sondern in Guatemala

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„Hier seht ihr die Invasion einer Menschenmenge aus Honduras, die unerlaubt in die Vereinigten Staaten eindringen. Sollte Biden tatsächlich der neue Präsident der USA werden, dann werden diesen Zuwanderern noch viele weitere folgen“, heißt es in einer Telegram-Nachricht am 17. Januar. Ein Video dazu zeigt, wie Menschen offenbar durch eine Straßensperre der Polizei brechen. Wann und wo das Video entstanden ist, wird in dem Telegram-Post nicht erklärt. 

Der Beitrag auf Telegram wurde mehr als 69.600 Mal gesehen. Ähnliche Beiträge kursieren auch auf Facebook (hier und hier).

Wir haben das Video überprüft: Es zeigt Menschen am Grenzübergang El Florido, an der Grenze zwischen Honduras und Guatemala. Sie rennen durch eine Straßensperre von Sicherheitskräften in Guatemala. Das Video zeigt also nicht, wie Menschen „in die Vereinigten Staaten eindringen“. Weder Honduras noch Guatemala haben eine Grenze zu den USA. 

Der Beitrag wurde auf Telegram am 17. Januar gepostet.
Der Beitrag wurde auf Telegram am 17. Januar gepostet. (Quelle: Telegram / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Medienberichte: Tausende Menschen wollen von Honduras in die USA flüchten 

Auf Google haben wir nach den Begriffen „honduras migrants usa“ gesucht. Die Suche führte zu mehreren Medienberichten von Anfang Dezember 2020. Darin heißt es, dass mehrere hundert Migranten aus Honduras zu Fuß in Richtung USA aufgebrochen seien, nachdem zwei Hurricanes die Region verwüstet hatten. Die Route führt sie zunächst durch Guatemala. 

In einer Mitteilung des Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) hieß es bereits im Oktober: „Ungefähr 3.500 bis 4.000 honduranische Migranten und Flüchtlinge betraten auf ihrem Weg nach Mexiko irregulär guatemaltekisches Territorium und versuchten, die Vereinigten Staaten zu erreichen.“

Das Video zeigt Menschen im Januar 2021 in Guatemala, an der Grenze zu Honduras

In dem Video auf Telegram ist eine große Gruppe von Menschen zu sehen, die auf einer Straße zunächst von uniformierten Einsatzkräften zurückgehalten werden. Die Menschen drängen die Einsatzkräfte aus dem Weg und rennen die Straße entlang. Dabei entsteht dem Anschein nach eine Art Massenpanik, mehrere Menschen fallen zu Boden und werden offenbar auch verletzt. Bei Sekunde 18 ist ein Mann mit einer Jacke mit der Aufschrift „PNC“ (Policía Nacional Civil) zu sehen. Solche Jacken trägt die Polizei in Guatemala (zum Beispiel hier).

Das Video zeigt einen Mann mit einer Jacke mit der Aufschrift „PNC“. Er ist offenbar ein guatemaltekischer Polizist.
Das Video zeigt einen Mann mit einer Jacke mit der Aufschrift „PNC“. Er ist offenbar ein guatemaltekischer Polizist. (Quelle: Telegram / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Im Hintergrund steht ein markantes orangefarbenes Gebäude. Um zu bestätigen, dass das auf Telegram kursierende Video in Guatemala entstanden ist, haben wir uns die Foto-Datenbank von Reuters angesehen (die Nachrichtenagentur berichtete ebenfalls über die „Migranten-Karawane“). Dabei haben wir zwei Fotos entdeckt, die dasselbe Gebäude im Hintergrund zeigen. Sie wurden laut Bildunterschrift am 16. Januar 2021 in El Florido in Guatemala aufgenommen.

Ein Foto von Reuters zeigt dasselbe orangefarbene Gebäude im Hintergrund.
Ein Foto von Reuters zeigt dasselbe orangefarbene Gebäude im Hintergrund. (Quelle: Reuters / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Das Video ist nicht in den USA entstanden – sondern mehr als 2.000 Kilometer entfernt

Auf Nachfrage hat uns Reuters bestätigt, dass das Foto am 16. Januar 2021 an der Grenze zwischen Honduras und Guatemala entstanden ist. Es wurde auf der guatemaltekischen Seite aufgenommen. Der Ort liegt mehr als 2.000 Kilometer (mit dem Auto) von der US-Grenze entfernt.

Das orangefarbene Gebäude ist auch auf Google Streetview zu sehen
Das orangefarbene Gebäude ist auch bei Google Streetview zu sehen (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Zudem haben wir bei der Menschenrechtsorganisation „International Committee of the Red Cross“ (ICRC) in Guatemala nachgefragt, woher das Video stammt. Eine Sprecherin des ICRC in Mexiko und Zentralamerika schrieb uns per E-Mail: „Wir haben die Bilder gesehen, die Sie geteilt haben, und obwohl wir zu diesem Zeitpunkt nicht dort waren, haben wir das Gebiet identifiziert, weil wir dort humanitäre Aktivitäten durchführen. Meine Kollegen vor Ort sagten mir, dass das Video am Samstag, den 16. (Januar) gegen 8 Uhr morgens aufgenommen wurde und die Ankunft einer zweiten Gruppe von Migranten in Guatemala in der Gemeinde Chiquimula zeigt.“

Die Sprecherin verwies zudem auf ein weiteres Video, das das Geschehen aus einer anderen Perspektive zeige. Das Video wurde am 16. Januar von der lokalen Nachrichtenseite Contracorriente auf Twitter veröffentlicht. Im Text heißt es: „Die Gruppe von mehr als 2.000 Menschen der Migranten-Karawane hat Guatemala betreten, nachdem sie kurzzeitig von einer Einsatzgruppe der guatemaltekischen Polizei und des Militärs aufgehalten wurde.“

Zahlreiche Menschen wurden offenbar nach Honduras zurückgebracht

Wenige Tage später berichteten mehrere Medien, dass die Polizei in Guatemala mehrere tausend honduranische Migranten, die in Richtung Norden unterwegs waren, mit Gewalt gestoppt habe. Aufgehalten wurde der Treck am 18. Januar nahe der Stadt Vado Hondo, wie die Tagesschau, die BBC und die Frankfurter Allgemeine Zeitung übereinstimmend berichteten. 

Laut Tagesschau wurden die meisten Menschen mit Bussen und Lastwagen zum Grenzübergang El Florido in Honduras zurückgebracht. Nur „einzelnen Gruppen“ soll es gelungen sein, den Weg in Richtung Mexiko fortzusetzen.

In einer Pressemitteilung vom 18. Januar erklärte das guatemaltekische Außenministerium, man respektiere das Recht aller Menschen auf Migration. Sie kritisierte aber die Behörden in Honduras, die sich nicht an die getroffenen Vereinbarungen zur Eindämmung der Migration halten würden. Demnach hatten sich Guatemala, Honduras, El Salvador, Mexiko, die Vereinigten Staaten von Amerika sowie die Vereinten Nationen zuvor geeinigt, Menschen von der Reise „abzuschrecken“ und „sicher zurückzuführen“.

Redigatur: Alice Echtermann, Steffen Kutzner

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