31. March 2026
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Das Ende der DDR begann 1976 in der Kölner Sporthalle
Am 13. November 1976 steht Wolf Biermann in der Kölner Sporthalle auf der Bühne. 7.000 Menschen sind gekommen, das Konzert ist ausverkauft.
Für Biermann ist es in mehrfacher Hinsicht ein besonderer Abend, wie er in seiner Autobiographie beschreibt. Zwei Tage später wird er 40. Was er nicht weiß: Während er in Köln singt, ist seine Zukunft in der DDR bereits entschieden – gleichzeitig ist es ein Wendepunkt in der Geschichte der DDR. (Foto: Imago / United Archives)
Am 12. November fliegt Biermann von Berlin-Tegel nach Köln. Im Flugzeug über den beiden deutschen Staaten arbeitet er noch an seinem Programm, schreibt um, streicht, ergänzt. In Köln angekommen, holt ihn sein Freund Peter Laudan ab.
In der Nacht vor dem Konzert wird er krank: Fieber, Heiserkeit, Halsschmerzen. Am Morgen geht es ihm schlecht, die Stimme ist angegriffen. Noch am Nachmittag liegt er im Bett. Dass er an diesem Abend überhaupt auf der Bühne stehen wird, ist zu diesem Zeitpunkt alles andere als sicher.
Biermann ist zu diesem Zeitpunkt eine Ausnahmefigur. Er versteht sich als überzeugter Sozialist, kritisiert aber auch offen die Zustände in der DDR. Seine Lieder sind direkt und oft unbequem – und deshalb seit Jahren im eigenen Land verboten. Er hat ein Auftrittsverbot in der DDR.
Trotzdem bleibt er Teil der Szene. Seine Texte zirkulieren, werden weitergegeben und gehört. Die Mischung aus Nähe und Kritik macht ihn für die Führung in der DDR schwer kontrollierbar.
Auch bei seinem Konzert in der Kölner Sporthalle bleibt er dieser Haltung treu. Er greift die DDR an, verteidigt sie im nächsten Moment wieder.
Wie Wolf Biermann die Kölner Sporthalle erlebt
Am Abend steht er krank auf der Bühne und jedoch merkt schnell, dass er funktioniert. Die Texte sitzen, die Finger finden auf der Gitarre wie von selbst ihren Weg. Er singt sich in einen Zustand hinein, den er später selbst als eine Art Ausnahme beschreibt.
Das Programm entsteht nicht geschniegelt, sondern wirkt wie aus dem Moment geschüttelt. Über Stunden hinweg trägt er seine Lieder vor, improvisiert, redet, reagiert auf Zwischenrufe.
Biermann ist an diesem Novembertag 1976 ist auf Einladung der IG Metall in den Westen gereist. Dass er überhaupt auftreten darf, ist politisch abgesichert. Doch während des Aufenthalts fällt im SED-Politbüro eine andere Entscheidung.
Die Kölner Sporthalle selbst erlebt er überraschend anders, als man es bei dieser Größe erwarten würde. Die Technik funktioniert für ihn beinahe wie ein kleines Wunder: Selbst der letzte Zuhörer, weit hinten im Saal, ist so präsent, als säße er ihm gegenüber. Er hat nicht das Gefühl, gegen einen Raum ansingen zu müssen, sondern kann so singen wie zu Hause im Wohnzimmer.
Zwei Tage später feiert Biermann in Köln seinen 40. Geburtstag – mit Menschen, die ihm nah sind. Unter ihnen sind unter anderem Günter Wallraff, Heinrich Böll und Freunde aus dem Rheinland. Sie fahren am Rhein entlang bis nach Zons. Biermann sammelt Steine, steckt sie ein, sortiert sie wieder aus, weil er nur die schönsten mitnehmen will.
Tag am Rhein der glücklichste im Leben von Wolf Biermann
Er beschreibt diesen Tag als einen der glücklichsten seines Lebens. Am 16. November, also drei Tage nach dem Konzert, meldet die DDR-Nachrichtenagentur ADN: Biermann wird ausgebürgert – wegen „grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“.
Das Kölner Konzert ist der Anfang vom Ende der DDR, wie viele später sagen. Denn was nun folgt, ist für die DDR-Führung noch schwerer zu kontrollieren als ein DDR-Bürger Wolf Biermann.
Noch am Tag nach der Veröffentlichung formiert sich Protest unter DDR-Künstlern und Intellektuellen. Eine Resolution wird verfasst, zahlreiche bekannte Namen schließen sich an, am Ende unterstützen rund 100 Personen den Aufruf.
Weil die DDR-Presse den Text nicht abdruckt, gelangt er über westliche Medien an die Öffentlichkeit.
Auch in der Bundesrepublik wird der Fall breit diskutiert. Eine zusätzliche Dynamik entsteht wenige Tage später: Am 19. November sendet die ARD das Kölner Konzert vollständig im Fernsehen. Viele Menschen in der DDR, die Westfernsehen schauten, hören Biermanns Lieder in dieser Form zum ersten Mal.
Die Ausbürgerung verändert das Verhältnis zwischen Staat und Kulturszene spürbar. Für viele wird deutlich, dass selbst prominente Stimmen keinen Schutz mehr bieten. Kritik, auch aus dem Inneren heraus, wird nicht mehr toleriert.
Einige der Unterzeichner geraten unter Druck, verlieren ihre Arbeitsmöglichkeiten oder verlassen später die DDR. Andere ziehen sich zurück. Der Konflikt, der lange unter der Oberfläche lag, tritt offen zutage.
Rückblickend wird dieser Moment immer wieder als Zäsur beschrieben. Der Schriftsteller Jurek Becker etwa sieht später einen Zusammenhang zwischen der Ausbürgerung Biermanns und dem Ende der DDR.
Die DDR lebt noch ein Jahrzehnt weiter. Doch Vertrauen geht verloren, Loyalitäten beginnen zu bröckeln, und die kulturelle Öffentlichkeit verändert sich.
Dass all das mit einem Konzert in Köln beginnt, wirkt mag Zufall sein – ist aber Teil der deutschen Nachkriegs-Geschichte.
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