Baraque Michel – Frühlings-Tagesausflugstipp ins Hohe Venn

Baraque Michel – Frühlings-Tagesausflugstipp ins Hohe Venn

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Köln | 50° 31,1586 N 6° 03,7573 E lauten die Koordinaten, die moderne Menschen dank Navi direkt zur Baraque Michel – Michelshütte – im Hohen Venn führen. Ein Ort, an dem ein Rheinländer aus Sinzig vor 210 Jahren einen Zufluchtsort für verirrte Reisende schuf. Dieser war in Vor-Navi-Zeiten Rettungs- und Orientierungspunkt für Reisende durch Leuchtfeuer und Glockengeläut der Kapelle Fischbach. Rund 1,5 Stunden von Köln entfernt findet sich in exponierter Lage eine besondere Geschichte und auf drei Routen kann das Hohe Venn als besonders kulturgeprägte Naturlandschaft erlebt werden. Andi Goral nimmt Sie heute mit zur Baraque Michel – ein Tages-Ausflugsziel für Kölner*innen.

Der Aufstieg

Der Weg zur Baraque Michel führt über die N68 ob zu Fuß, mit Rad, Bus oder Auto. Lange Gerade, Kurve, lange Gerade und so weiter, ist typisch für die N68. Links und rechts säumen Fichtenwälder das „Venndach“. Die Fichtenwälder erzählen schon die Geschichte des größten Eingriffs in die Naturlandschaft des Hohen Venn durch den Menschen. Urplötzlich ist alles anders: Szenenwechsel – das Venn-Plateau öffnet sich in seiner schier unendlichen Weite. Jetzt im Frühling präsentiert sich das Pfeifen- und Wollgras eingerollt in runden Buscheln auf schier unendliche Weite in blassem Gelb und allen Abstufungen von hellen Ockertönen. Übrigens auch das ein Signal für die Eingriffe des Menschen in die Naturlandschaft und den dortigen Wasserhaushalt, denn diese Grassorten sind Resultat menschlichen Handelns. Dazwischen ragen dunkle einzelne Baumgerippe wie Wegmarken oder moderne skulpturale Objekte hervor. Dazu Moorbirken, die in Gruppen zusammenstehen als würden sie miteinander konkurrieren und darum buhlen, welche von ihnen die Verrenkung ihrer Äste zur vollkommensten und bizarrsten Gesamtform formulieren kann. Hier zeichnet die Natur gegen einen Himmel dessen Blau von Yves Klein inspiriert sein könnte. Aber morgen kann hier schon alles anders sein und das Baumgerippe umgestürzt.

Der Zufluchtsort

Eine Gerade, ein kleiner Hubbel und dann ist sie in der Ferne bereits zu erahnen, die Baraque Michel direkt an der N68. Ein Platz mit ganz viel Geschichte und ein Ort, der rund 120 Menschen als eine Art Leuchtturm im ehemaligen Regenmoor das Leben rettete – in der Vor-Navi-Zeit. Zwischen 1811 und 1812 baute der aus Sinzig im Rheinland stammende Steinmetz Michel Henri Schmitz eine Schutzhütte ins Hohe Venn. Ein Mann, um den sich Legenden ranken und gestrickt wurden. Der soll vor den französischen Revolutionstruppen, die 1794 den Rhein erreichten, geflohen sein und bereits in der Eifel gelebt haben, bevor er sich 1808 bei einer Reise im Venn verirrte und schwor, aus Dank für seine Rettung, eine Schutzhütte zu errichten. 1811/12 setzte er diesen Schwur in die Tat um.

Der rheinische Schriftsteller Ludwig Mathar, befreundet mit August Sander und unter anderem als Studienrat am Kölner Gymnasium Kreuzgasse tätig, widmete der Baraque Michel 1932 sogar einen Roman: „Das Schneiderlein im Hohen Venn. Ein Roman zwischen zwei Völkern.“

Im Glockenturm der Kapelle Fischbach fehlt seit 2018 die Glocke. Im zweiten Turm brannte das Leuchtfeuer, das Verirrten im Hohen Venn im 19. Jahrhundert half wieder auf den richtigen Weg zu finden.

1819 starb Schmitz. Seine Familie übernahm Hütte und Samariterauftrag und baute sie zur Herberge für Reisende aus. Diese wurde um 1900 abgerissen, da die Straße Eupen-Malmedy, die heutige N68, neu gebaut wurde, aber 100 Meter südlich. Die Baraque Michel und die Kapelle Fischbach finden sich heute jeweils am Ende des großen Parkplatzes. In der 1830 auf Initiative des Industriellen Henri-Toussaint Fischbach aus Malmedy erbauten Kapelle wurde früher ein Leuchtfeuer entzündet, um Reisenden die Orientierung zu erleichtern. Schmitzens Familie läutete bis 1856 jeden Abend die Glocke der Kapelle, um Verirrten etwa bei dichtem Nebel im Regenmoor auch akustisch ein Signal zu senden. Im 19. Jahrhundert wurden so über 120 Personen gerettet. Die rund 50 Zentimeter hohe Glocke aus Bronze wurde 2018 gestohlen. Anfang September 2020 tauchte sie dann plötzlich, wie aus dem Nichts, wieder auf und verschwand erneut zwei Wochen später. Die Zeitung „La Meuse“ zitierte damals den Präsidenten der „Amis de la Fagne (Vennfreunde)“, Roger Herman, der nicht an ein erneutes Auftauchen der kleinen Glocke glaubte und damit bis heute Recht behalten sollte.

Die Grenzverschiebung

Jetzt liegt ein Parkplatz zwischen Herberge und Kapelle, den Womo-Traveller übrigens nicht benutzen dürfen. An den jeweiligen Enden des Parkplatzes befinden sich Tische und Steine zum Hinsetzen für Wanderer, die hier in der Frühlingssonne ihre mitgebrachte Brotzeit essen oder sich ein wenig ausruhen können. Heute betreibt die Familie Bodarwé die Baraque Michel als typisches Gasthaus des Hohen Venn. Auf der Seite des Parkplatzes, an dem sich das Gasthaus und die Bäckerei befinden ist ein historisches Relikt zu finden: Ein Grenzstein. Grenzsteine prägen das Hohe Venn. Denn in der heutigen Mitte des Parkplatzes lag nach dem Wiener Kongress von 1815 die Grenze zwischen Belgien und Preußen, das sich die Kantone Malmedy und Eupen angeeignet hatte. Und damit war die Baraque Michel bis zum Friedensvertrag von Versailles der höchste Punkt Belgiens. Denn 1919 wurde die belgische Grenze wieder weiter nach Osten verschoben und damit die Michelshütte nur noch der zweithöchste Punkt Belgiens. Die Preußen waren allerdings für die Natur des Venns Gift.

Die drei Wanderwege rund um die Baraque Michel sind hervorragend ausgeschildet.
Tische am Parkplatz der Baraque Michel

Drei Wanderwege

Auf der anderen Seite des Parkplatzes findet sich die Kapelle Fischbach, die Ausgangspunkt für drei Wanderungen ist: Einmal der „La Grande Ronde des Fagnes“ mit 8,5 Kilometern (Blaue Route – Auf den Spuren der Grenzsteine), der „La Croix des Fiancés“ mit 5,9 Kilometern (Rote Route – die sich mit dem Schicksal der Verlobten beschäftigt) und der kürzesten Route „Fa Fagne de la Poleuer“ mit 4,5 Kilometern (Grüne Route – Torfgewinnung ein vergangener Wirtschaftszweig) ist. Alle Routen sind hervorragend beschildert und ausgezeichnet. Die Routen sind befestigt und nur diese dürfen genutzt werden. Das Naturschutzgebiet Hohes Venn ist in mehrere Zonen unterteilt und die Wanderwege an der Baraque Michel liegen in der Zone B, wo eigenständiges Betreten des Venn nur auf markierten Wegen gestattet ist. In den C-Zonen darf das Venn nur mit einem anerkannten Wanderführer und in Zone D gar nicht betreten werden.


Grüne Route „Fa Fagne de la Poleuer“

Grüne Route „Fa Fagne de la Poleuer“ – Torfgewinnung ein vergangener Wirtschaftszweig

Die kürzeste Route mit 4,5 Kilometern führt Spaziergängern vor Augen, dass sie sich in einer kulturgeprägten Naturlandschaft befinden. Das Hohe Venn heute ist in seiner aktuellen Form von Menschenhand geprägt. Als das Hohe Venn Naturlandschaft war, bedeckte ein Laubwald aus Buchen, Erlen, Birken und Eichen das Hochplateau. Nur vereinzelt gab es nicht bewaldete Moorflächen. Ab dem Mittelalter nutzt der Mensch die Gegend und macht aus dem Laubwald eine ausgedehnte Heidelandschaft, durch Abholzung, Beweidung, landwirtschaftliche Kulturen und Torfstechen. Das Aufforsten mit Fichten verwandelt die Landschaft am deutlichsten, da das Hohe Venn entwässert werden musste, damit deren Ansiedelung gelingt; eine Gegend, die besonders überdurchschnittlich hohen Niederschlag von über 1.400 mm Regen pro Jahr und Quadratmeter verzeichnet. Denn das Hochplateau ist das erste Hindernis auf das die Wolken, die vom Atlantik auf den Kontinent drängen, stoßen. Ab dem 20 Jahrhundert bis heute ist es der Tourismus, der die Art der Nutzung bestimmt.


Die blaue Route „La Grande Ronde des Fagnes“

Die rote Route „La Croix des Fiancés“ – Das Kreuz der Verlobten

Die Route „La Croix des Fiancés“ führt über 5,9 Kilometer Länge zum Kreuz der Verlobten Marie und François, die im Winter versuchten, das Hohe Venn zu durchqueren und dabei in einem Schneesturm ihr Leben ließen. Es der Sonntag, 22. Januar 1871, als François Reiff de Bastogne, Bauarbeiter an der Talsperre Gileppe, sich mit Marie Solheid de Xhoffray, die als Magd auf dem Bauernhof Niezette arbeitete, auf den Weg nach Xhoffray machten. Sie wollten Dokumente im preußischen Teil des Venns besorgen. Im Schneesturm kamen sie ums Leben. Am 22. März 1871 entdeckte ein preußischer Zollbeamter nach der Schneeschmelze die Leiche von Marie am Grenzstein 151 und eine Nachricht von François: „Marie ist gerade gestorben, und ich werde es tun“. Zwei Kilometer weiter, oberhalb von Solwaster wurde seine Leiche gefunden. Heute erinnert das „La Croix des Fiancés“ am Grenzstein 151 an das Schicksal der beiden Liebenden.


Die blaue Route „La Grande Ronde des Fagnes“

Die blaue Route „La Grande Ronde des Fagnes“ – die große Runde

Die Grenzsteine tragen entweder ein „B“ für Belgien oder ein „P“ für Preußen. Sie wurden 1839 gesetzt und bestimmen die blaue Route und damit die längste mit 8,5 Kilometern. Sie sind ein Resultat des Wiener Kongresses. Sie sind Teil der „La Grande Ronde des Fagnes“.

Alle Wanderungen oder Spaziergänge sind Rundwanderwege und enden wieder an der Kapelle Fischbach. Die Baraque Michel war übrigens nicht nur Herberge für Reisende, sondern schon zweimal Medienstandort. Radio Benelux sendete von 1981 bis 1984 aus exponierter Lage Programme nach Deutschland. Und in diesem Jahrhundert von 2008 bis 2009 nutzte RealFM die Station.


So erreichen Sie die Baraque Michel von Köln aus

Auto
A4 bis Rue Mitoyenne/N67 in Welkenraedt, Belgien nehmen, Ausfahrt 38-Eupen nehmen und bis N68 in Jalhay fahren
Fahrzeit etwa 1 Stunde 25 Minuten

ÖPNV
Ab Köln Hbf mit ICE, IC oder Regionalbahn nach Aachen. Weiter mit dem Bus Linie 14 bis Eupen und von dort mit dem Bus 394 bis Baraque Michel.
Fahrzeit zwischen 1 Stunde 45 Minuten und 2 Stunden 15 Minuten, je nach Verbindung (Sonntag schwierige Verbindung)

Für Fahrradmitnahme: ab Aachen weiter mit der Bahn über Welkenraedt bis Eupen und dann auf der N68 mit dem Fahrrad bis Baraque Michel. Achtung starker Anstieg (ca. 400m Höhenunterschied, 15 km Anfahrt ab Eupen und mindestens 1:15 Stunden Fahrzeit), E-Bike empfohlen.

Bitte informieren Sie sich vor Abreise bei der Deutschen Bahn oder der Belgischen Bahn (SNCB)

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