Anstieg der Sterbefälle im Dezember: Nein, die Belastung des Zwickauer Bestattungswesens ist nicht „erfunden“

Dieser Artikel stammt von CORRECTIV.Faktencheck / Zur Quelle wechseln

Im Dezember 2020 fand in der sächsischen Kleinstadt Zwickau eine Stadtratssitzung statt, während der die lokale Baubürgermeisterin Kathrin Köhler erklärte, das Bestattungswesen in Zwickau sei stark belastet. Im Krematorium werde im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet und auch an Feiertagen und Wochenenden. Der Blog Westsächsische Zeitung (WSZ) bezeichnete dies anschließend als „erfunden“ und veröffentlichte zwei Artikel, die die Aussagen von Köhler anzweifeln – einen am 5. Januar und einen am 14. Januar

In dem ersten Bericht von Anfang Januar heißt es: „Zum Lokaltermin gestern [4. Januar] auf dem Städtischen Friedhof war von aufgestocktem Personal in Dreischichtarbeit nichts zu erkennen. So weiß man weder im Krematorium am Zwickauer Hauptfriedhof noch beim Friedhofspersonal irgendetwas von einer Ausnahmesituation. Im Gegenteil: die ersten Tage des Jahres fallen für die im Bestattungswesen Beschäftigten eher ungewohnt ruhig aus.“ Friedhofsmitarbeiter hätten versichert, dass „die Auftragslage eher zurückgegangen als gestiegen“ sei. Baubürgermeisterin Köhler habe also „offensichtliche Falschmeldungen“ herausgegeben.

In dem zweiten Bericht vom 14. Januar schreibt die WSZ außerdem, laut eines anonymen „Insiders im Bestattungswesen“ sei das Krematorium marode, sodass seit längerer Zeit nur ein Ofen genutzt werden könne. Auch RT Deutsch griff die Behauptungen am 11. Januar auf und berief sich als Quelle auf die WSZ.

Wir haben recherchiert: Für den Vorwurf, die Baubürgermeisterin habe eine Falschinformation verbreitet, gibt es keine Belege. Die Berichterstattung der WSZ liefert dafür keine nachprüfbaren Quellen, sondern beruft sich auf zwei Besuche des Geländes und anonyme „Insider“. 

Sterbefälle im Dezember 2020 laut Stadtverwaltung Zwickau „drastisch erhöht“

Eine Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck an die Zwickauer Stadtverwaltung beantwortete der Leiter des Pressebüros, Mathias Merz, mit dem Verweis auf eine Mitteilung der Stadt. Sie wurde am 14. Januar herausgegeben, also an dem Tag, an dem der zweite Beitrag bei der WSZ erschien. Darin heißt es, dass sich die Anzahl der Sterbefälle in Zwickau im Dezember 2020 „drastisch erhöht“ habe. Während es in den Vorjahren 145 (2018) bzw. 165 (2019) Sterbefälle gab, habe sich die Zahl auf 376 mehr als verdoppelt. Bei 200 dieser Menschen sei Covid-19 auf dem Totenschein vermerkt worden. Im Januar scheine sich der Trend fortzusetzen.

Bei der Ratssitzung sagte die Baubürgermeisterin Köhler, wie in einem Mitschnitt der Stadtratssitzung zu hören ist, man habe sich an die Situation der erhöhten Sterbefälle angepasst: „Die Mitarbeiter im Krematorium arbeiten derzeit in drei Schichten und an den Wochenenden und Feiertagen. Das Personal wurde aufgestockt.“ Sie sprach außerdem davon, dass eine „Ausnahmesituation“ vorliege. 

Leiter des Garten- und Friedhofsamtes Zwickau: Drei-Schicht-Betrieb ist nicht erfunden

Jörg Voigtsberger, der Leiter des Garten- und Friedhofsamtes von Zwickau, erklärt gegenüber CORRECTIV.Faktencheck telefonisch, weshalb die Fotos, die von der WSZ in den Beiträgen veröffentlicht wurden, kein Beweis sind, dass das Krematorium nicht im Drei-Schicht-Betrieb arbeite: „Auf den Fotos ist lediglich ein Verwaltungsgebäude zu sehen, nicht das Ofenhaus, wo die Kremierungen stattfinden.“ 

Das Ofenhaus befinde sich etwas versteckt, und man könne auch von außen kaum einschätzen, ob dort gerade Betrieb sei oder nicht, weil es keine Rauchsäule gebe, so Voigtsberger. 

Einer der Blog-Beiträge der WSZ (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Aus den beiden Blog-Beiträgen der WSZ lässt sich ableiten, dass die Aufnahmen am 4. Januar tagsüber und 13. Januar abends entstanden sein sollen. An beiden Tagen habe im Krematorium Betrieb geherrscht, erklärt Voigtsberger.

Auch dass der „Personalparkplatz“ nachts leer sei, wie in dem zweiten Bericht der WSZ steht, sei kein Beweis, dass niemand vor Ort sei, erklärt Voigtsberger. Denn es gebe mehrere Parkplätze, die die Mitarbeiter nutzen könnten. Dass der Drei-Schicht-Betrieb erfunden sei, ist laut Voigtsberger „Unfug“. Schon seit Mitte Dezember werde rund um die Uhr gearbeitet, wenn der Ofen nicht gerade gereinigt werde oder abkühlen müsse.

Wir haben auch das Krematorium selbst kontaktiert. Dort verweist man jedoch lediglich auf die Stadtverwaltung. Die Krematoriumsverwaltung könne keine Auskünfte geben, erklärte ein Mitarbeiter am Telefon.

Krematorium kann zur Zeit nur einen Ofen nutzen – dieser Umstand ist allerdings nicht neu

Dass auf dem Friedhof im Moment nur wenige Beisetzungen stattfinden, liegt laut Voigtsberger daran, dass viele Angehörige die Trauerfeiern verschieben. Eine Urne könne bis zu sechs Monate gelagert werden, weshalb Angehörige die Bestattungen auf den Sommer verschieben würden, damit mehr Menschen daran teilnehmen könnten. Im Moment dürfen an Beerdigungen in Sachsen nur zehn Menschen teilnehmen.

Die von der WSZ unter Berufung auf einen „Insider“ aufgestellte Behauptung, das Krematorium sei so marode, dass nur ein Ofen laufen könne, dementiert Voigtsberger ebenfalls: „Es gibt zwei Öfen, die beide in gutem Zustand sind, sich aber eine Filterstrecke für die Abgase teilen.“ Deshalb könne immer nur ein Ofen laufen. 

Dieser Umstand ist jedoch nicht erst im Dezember eingetreten und kann daher keine plötzliche Überbelastung erklären. Wie bereits am 8. Juni 2020 beschlossen worden sei, werde gerade eine zweite Filterstrecke eingebaut, so Voigtsberger. Sie werde voraussichtlich Ende März oder im April fertiggestellt. Tatsächlich ist die Genehmigung einer Nachrüstung des Krematoriums in einem Beschlussprotokoll dieser Ratssitzung nachzulesen (PDF „Beschlussfassung öffentlich“). 

Der Zwickauer Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wetzel (Grüne) äußerte sich am 14. Januar auf Facebook zu dem Blog-Artikel der WSZ. Er bezeichnete den Bericht als „Lüge“ und „Phantasietext“. „Die Sterberate liegt in Sachsen aktuell bei knapp dem Doppelten über dem üblichen Niveau“, schrieb Wetzel. „Ein erschreckend hoher Anteil der sächsischen Bevölkerung wehrt sich aber gegen die sachliche Erkenntnis, dass dies mit Covid-19 zusammenhängt. Die Desinformationspropaganda war erfolgreich, schon lange vor der Pandemie.“

Redigatur: Alice Echtermann, Uschi Jonas

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Aussage von Kathrin Köhler zum Drei-Schicht-Betrieb im Krematorium Zwickau: Link
  • Mitteilung der Stadt Zwickau zu Sterbezahlen und Krematoriumsbetrieb (14. Januar 2021): Link
  • Informationsseite der Stadt Zwickau zum Ablauf der Einäscherungen: Link

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