35. Jubiläum: Warum im Kölner Handwerkerinnenhaus „dicke Bretter“ gebohrt werden

Rundschau | 35. JubiläumWarum im Kölner Handwerkerinnenhaus „dicke Bretter“ gebohrt werdenVon Diana Hass24.06.2024, 12:33 UhrLesezeit 3 Minuten 35 Jahre Handwerkerinnenhaus: Josefine Paul, Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen, (r.) probiert sich an der Säge. MIra Sin, geschäftsführende Vorständin des Handwerkerinnenhauses, (l.) und die langjährige Mitarbeiterin Angela Troll (M.) sehen zu.Copyright: Thomas BanneyerSeit 35 Jahren gibt es das Handwerkerinnenhaus in Köln-Nippes. Grund zum Feiern.„Ich habe schon drei Handy-Ständer gebaut, einen Zauberstab geschnitzt, zwei Schmuckkästen gezimmert und gerade arbeite ich an einem Spiegel.“ Die 13-Jährige, die mit drei anderen Mädchen in der Werkstatt des Handwerkerinnenhauses in Nippes steht, traut sich etwas zu. Und genau darum geht es seit 35 Jahren in diesem Projekt. Im Handwerkerinnenhaus wird mehr trainiert als Sägen, Schrauben und Bohren. Mädchen und Frauen erlernen hier auch Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit und Durchhaltevermögen. Dass das dringend nötig ist, wurde immer wieder betont beim Festakt zum 35-jährigen Bestehen. Dicke Bretter bohren, also mit Geduld und Beharrlichkeit Widerstände bezwingen. Davon war wiederholt die Rede. In ihrem Job sei das durchaus angezeigt, sagte auch Josefine Paul (Grüne), NRW-Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration. Paul gratulierte dem Kölner Verein am Freitag vor gut 200 geladenen Gästen.„Mädchen und Frauen bauen hier ihre Zukunft selbst“, lobte Paul und unterstrich, dass im Handwerkerinnenhaus weitaus mehr gemacht werde, als praktische handwerkliche Fertigkeiten zu vermitteln. Mädchen aus schwierigen Lebenslagen, Mädchen, die schulmüde sind, oder unsichere Frauen, die lernen, sich selbst zu behaupten, finden hier Ansprechpartnerinnen und professionelle Unterstützung. Sie hinterfragen Rollenbilder und Erwartungen, entdecken ihr Potenzial und erweitern damit ihre Berufs- und Lebensperspektiven. Bei der Gründung sei es zunächst darum gegangen, Unterstützung für Frauen im Handwerk zu leisten, erinnerte Christiane Lehmann vom Handwerkerinnenhaus. Doch der Fokus auf Erwachsenenbildung verschob sich in wenigen Jahren zugunsten von Mädchen. 1997 startete der Bau der Mädchenwerkstatt, 1998 hob der Verein sein Projekt für Mädchen, die schulmüde waren, aus der Taufe. Weitere Projekte folgten.Weit mehr als ein Projekt, in dem es ums Handwerk geht„Sie leisten einen Beitrag zu einem geschlechtsgerechten Köln“, lobte Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos). „Sie verändern ganz konkret das Leben von Frauen und Mädchen. Das ist viel mehr als ein Projekt, in dem es ums Handwerk geht“, ergänzte Paul. Die Mädchen und Frauen erlernten Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Oft habe das Handwerkerinnenhaus wichtige Impulse geliefert und sei nach wie vor einzigartig in Deutschland.Die vollständige Einlösung des Versprechens auf Gleichberechtigung gebe es laut Paul noch nicht in Deutschland. Der Kampf darum: Sicher ein „dickes Brett“, das es zu bohren gelte. Paul warnte zudem: „Wir erleben, dass einmal Erkämpftes wieder unter Druck geraten kann.“ Dies sei ein wichtiger Grund, so vorbildlich wie bisher weiterzumachen.Hohe Nachfrage„Der Bedarf ist groß, die Nachfrage ist groß“, sagte auch Mira Sinn, geschäftsführende Vorständin des Handwerkerinnenhauses. Und sie machte klar, dass das Handwerkerinnenhaus weiterhin auf Förderung durch das Land, die Stadt und  Stiftungen angewiesen ist. Nur so könne es seine Arbeit weiterhin leisten. Dass die Frauen vom Verein noch viel vorhaben, wurde immer wieder deutlich. „Wir wollen anbauen und das Angebot erweitern“, sagte Sin.Das Handwerkerinnenhaus1992 zog der Verein Handwerkerinnenhaus in das historische Gebäude des ehemaligen Worringer Bahnhofs an der Kempener Straße 135 in Nippes.„Die Chancenwerkstatt“, der Lern- und Bildungsort für Mädchen, ist anerkannter Träger der freien Jugendhilfe. Das Handwerkerinnenhaus kooperiert mit fast 30 Haupt-, Förder-, Real- und Gesamtschulen. Mehr als 1300 Mädchen und Frauen werden jährlich mit dem werkpädagogischen „Mädchenprojekt Zukunft“ erreicht.Das Mädchenprojekt Zukunft wird aus Mitteln des Kinder- und Jugendförderplans des Landes gefördert. Es umfasst drei Bausteine: Prävention von und Intervention bei Schulabsentismus und Berufsorientierung.Das Frauenkursprogramm vermittelt praktisches handwerkliches Können von gängigen Reparaturen im Haus bis hin zum Schweißen.Das Kursprogramm ist online zu sehen.
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